Aufsatz 
Über die Hofschule zu Cassel unter Landgraf Moritz / Hartwig
Entstehung
Einzelbild herunterladen

9

in jener Zeit den Schulen gegenüber einnahmen, zu verſtehen, wenu man ſich nicht vorher darüber klar geworden iſt, daß die Intereſſen der Schule und der Kirche ſo untrennbar waren wie die zwei Sei⸗ ten eines Blattes. Die kirchliche Strömung hatte das ganze Volk ergriffen von der Hütte bis zum Throne, und die Fürſten konnten ſich ihr um ſo weniger entziehen, als in dem Kirchenſtreit auch Fragen politiſcher Art ihre Löſung finden mußten. Der Jahrhun⸗ derte alte Kampf der deutſchen Fürſten mit dem Kaiſer um ihre territoriale Selbſtſtändigkeit war in den Prinzipienſtreit zwiſchen Katholicismus und Proteſtantismus verflochten. Es war die Zeit, in welchernicht nur in der Religion Krieg, ſondern auch in dem Kriege Religion war. Wenn man nun bedenkt, daß die Schulen nicht am wenigſten den Zweck hatten, Theologen zu bilden, ſo wird man ſchon hieraus das Intereſſe der Fürſten an den Schulen ermeſſen können. Hierzu kam nun noch ein weiteres Moment, auf welches namentlich Henke in ſeinem geiſtreichen Vortrage über die Eröffnung der Univerſität Marburg hingewieſen hat 1). Die Er⸗ ziehung, welche die Fürſten jener Zeit genoſſen, war allgemein eine gelehrte. Schon frühe gewannen ſie meiſt Geſchmack an den hu⸗ maniſtiſchen Studien. Das Latein, damals noch die Univerſal⸗ ſprache der Gebildeten, lernten ſie ſchreiben und reden, und wenn es ihnen ſelbſt nicht vergönnt war, eine gründliche Bildung in den humanen Wiſſenſchaften ſich zu erwerben, ſo ſuchten ſie wenigſtens durch Unterſtützung der Gelehrten und durch Heranziehen derſelben an ihre Höfe ihr Intereſſe für wiſſenſchaftliche Bildung zu bethäti⸗ gen. So kam es, daß nicht ſelten der Hof des Fürſten auch den geiſtigen Mittelpunkt des Landes bildete und nicht nur auf alle, welche nach Rang und Würden ſtrebten, ſondern am meiſten auf die⸗

jenigen, welche ſich einer tieferen Bildung bewußt waren, ihte An⸗

ziehungskraft übte. Vornehmlich gitd dies aber von den Höfen der

¹1) Vergl. auch Henke, Georg Calixt Bd. I, S. 39 ff. 8 1*