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Wer einmal von der Himmelspforte der Schaumburg oder von den auf der Ost- seite noch vorhandenen Mauerresten den Blick hat schweifen lassen über das weite, grünende Tal da unten, welches unser heimatlicher Strom mit vielfachen Windungen durchzieht, oder wer hinaufblickt zu dem sich nach Osten zu aufbauenden Süntelgebirge oder hinüber in das obere Wesertal jenseits der Pforte, welche durch die bei Fischbeck sich vorlagernde Masse des Finnenberges gebildet wird, der wird inmitten dieser herrlichen Natur den Zauber empfinden, den eine historisch merkwürdige Gegend auf ein sinnendes Gemüt ausübt. Wird doch in dem unten sich ausbreitenden Tale der Schauplatz jener Schlacht gesucht, in welcher unsere Vorfahren, wenn auch durch die feinere Kriegskunst besiegt, dennoch durch ihren hartnäckigen Widerstand dem Vordringen römischer Herrsch- sucht ein Ziel setzten, erinnert doch das Süntelgebirge an die blutigen Kämpfe, in denen sich die Sachsen der gewaltigen Macht des grossen Frankenkönigs erwehrten und ihre alten Götter gegen den ihnen noch unbekannten Christengott verteidigten, liegt doch da unten das Schlachtfeld von Segelhorst, welches uns in den traurigsten Abschnitt der Geschichte unseres deutschen Volkes versetzt, sieht man nicht drüben die Ebene von Hastenbeck, durch welche unsere Aufmerksamkeit auch auf die neuere Geschichte unseres Vaterlandes gelenkt wird?
Wenden wir nun geradeaus das Auge auf die mächtig sich in das Tal hinein- drängende Gebirgsmasse des Taubenberges, von dessen Gipfel in neuester Zeit der jüngst erbaute Ludwigsturm dem Wanderer einen grossartigen UÜberblick über das schöne Weser- land eröffnet, so fesselt uns ein kleiner, aus der Masse etwas vortretender Berg, der seinen Brüdern auf der anderen Seite der Weser einen Gruss zuzuwinken scheint. Auch er ist geschichtlich. Auch hier hat der blutige Kampf getobt, auch hier haben die Leiden- schaften der Menschen den Wald widerhallen lassen von dem Lärm ihres Ausbruchs; auch hier ist die rote Feuersäule aufgestiegen und hat eine Wohnstätte der Menschen in Trümmer und Asche verwandelt.
Hier oben hat vor alter Zeit eine Burg gestanden, deren Besitzer mit dem Herrn der Schaumburg verfeindet war.
Die Burg ist dem Erdboden gleich gemacht. Und es würde selbst dem Dichter, der mit schauender Gestaltungskraft entschwundene Gebilde zurückzuträumen vermag, nicht gelingen, zu sagen:
„Ich kenne die Türme, die Zinnen,
Die steinerne Brücke, das Tor“. Denn sie ist von der Erde verschwunden und nur durch der Buchen Gezweig dringt das Licht, welches einst vielleicht durch die bunten Scheiben glitzernd das Innere wohn- licher Gemächer erleuchtet hat. Kein behauener Stein, keine Inschrift verrät, was hier einst gewesen ist.
Wenn nun auch die Geschichte dieser Burg für sich nicht viel Bemerkenswertes bietet, indem davon fast gar nichts der Nachwelt überliefert ist und die Burg auch nur zu kurze Zeit gestanden hat, um ein an glanzvollen Ereignissen reiches Bild zu liefern, so ist es doch gerade ihr fast meteorgleiches Erscheinen und Verschwinden, welches—


