Aufsatz 
Zur Geschichte der Schaumburg und der Burg Hohenrode : Festrede am Allerhöchsten Geburtstag Sr. Majestät des Kaisers und Königs / geh. von Hartmann
Entstehung
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Ein gütiges Geschick hat an der Wende des Jahrhunderts den Mann an die Spitze des Reiches gestellt, der sich der ungeheuern Verantwortung wohl bewusst ist, die auf ihn als den Träger der politischen Grösse Deutschlands gelegt ist, der den Atemzug der heraufziehenden neuen Zeit wohl versteht, der mit der ganzen Wucht seiner kraft- vollen Persönlichkeit für die Erreichung neuer Ziele, für die Lösung neuer Aufgaben im politischen und im religiösen Leben, in der friedlichen Entwickelung des Volkes und in der Sorge für den Krieg, in der Kunst und in der Wissenschaft eintritt, der aber auch mit liebevoller Pietät die Fäden festhält, welche die neue Zeit mit der entschwindenden alten verknüpfen, und über der Freude an der Frucht nicht die dankbare Erinnerung an den werdenden Baum verloren hat.

Das ist unser Kaiser, der in dem Burggrafen den Kaiser ehrt.

So verkörpert sich in dem Deutschen Kaiser die Grösse und der Glanz alles dessen, was unsere Vorfahren erhofft und erträumt haben, was Eure Väüter, geliebte Schüler, auf blutgetränkten Schlachtfeldern mit errungen und erkämpft haben und in dessen freudigem Genusse die Gegenwart sich sonnt so ist es aber auch eben dieser Kaiser, der immer und immer wieder seinem Volke zum Bewusstsein bringt, dass ein Gewordenes nur durch seinen Werdegang begriffen werden kann, dass in allem, was die Menschen Schönes und Grosses geschaffen haben, die Geschichte das Fundament aller Erkenntnis ist, dass insbesondere das deutsche Volk nur dann seiner jetzigen Grösse und Stellung wert ist, wenn es sie versteht und mit liebevoller Hingabe den Wurzeln der Entwickelung nachgeht, wenn es im freudigen Stolz auf das, was wir germanische Kultur nennen, auch sich dessen erinnert, was die kriegsgewohnten germanischen Völker getan, was sie gelitten, was sie gekämpft und was sie erstritten haben.

An dem heutigen Tage, an dem Kalser-Geburtstage, wo nicht nur die Gemahlin den Gatten, die Kinder den Vater beglückwünschen, wo nicht nur Preussens Bürger, nicht Bayerns und Württembergs Söhne allein, wo alle germanischen Stämme nach dem Königs- schlosse an der Spree blicken, wo nicht nur die im Reiche wohnenden Stammesgenossen, sondern alle die, die auf dem weiten Erdenrund Deutsch denken und Deutsch sprechen, dem mächtigen Herrscher und König ihren ehrfurchtsvollen Gruss senden, will es mir angemessen scheinen, wenn auch von dieser Stätte aus aufs neue der geschichtliche Sinn in unserer Jugend angeregt werde, wie es ja vornehmlich die Pflicht und die Aufgabe des Gymnasiums ist, in jeder Wissenschaft den Zusammenhang der Gegenwart mit der Vergangenheit aufzudecken und in dem jugend- lichen Gemüte das Verlangen nach der Erkenntnis dieses Zusammen hangs zu wecken.

Darum bitte ich Euch, geliebte Schüler, mit mir im Geiste hinauszutreten in unser herrliches Wesertal; lasst uns die gewohnten Berge und Höhen noch einmal durch- wandern, lasst uns neben der Freude an der schönen Gottesnatur dann aber auch zusehen, ob der grauen Vorzeit verwischte Spuren auch hier zu finden sind, dass Steine reden und aus den Felsen und Bäumen uns längst entschwundene Gestalten entgegen- winken. 3