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Der Ausblick auf ein weites, tiefes Land beruhigt und befreit. Er ver- schmilzt alle Einzelformen zu einer ernsten, aber milden Grõößse. Die Enge wird zur Weite. jene trauliche Behaglichkeit, die fast jeder kleinen Landschaft des schwäbischen Unterlandes eigen ist, von der weit- schattenden Dorflinde und dem behäbigen Wirtshausgiebel bis zum romantischeren Bergkirchlein und zum verfallenden Mauerwerk zusammen- gedrängter Städtchen, erreicht den Beschauer hier oben nicht. Und doch glaubt er auch in diesem harmonischen, sanften Wechsel von Wald und Feld, Hügel und Tal, den die formenauflösende Fernenluft mit einem zarten, bläulichen Schleier überzieht, den behaglichen Atemzug eines reichen und echten, in sich selbst ruhenden Lebens zu verspüren, den- selben Atemzug, der durch Uhlands und Mörikes Dichtung geht. Ein herberer Hauch von Geschichte mischt sich ihm bei. Drüben, nicht allzu- weit entfernt, liegt Tübingen. Welche Erinnerungen weckt nur der eine Name!
Ein Berggipfel ist etwas Heiliges. Er hebt uns über die Niederungen des Bodens und der Seele, und die weite Umschau wird zum Fest. Wer hätte es nicht erlebt? Auch der Roßberg ist ein Berg,„den mit Geisterreihen kränzten ahnende Völker“. Man findet auf ihm noch Aschen- und Scherbenreste. Es ist kein Zufall, daß gerade er, wie mancher ähnliche Randberg der Alb, als Stätte uralter Götterverehrung der Vorzeit gilt, und noch in der Gegenwart Landleute seinen sagen- haften, beherrschenden Gipfel in Frühlingsnächten besteigen, hier oben dem Sonnenaufgang beizuwohnen. Das gleiche mythische Naturgefühl, das solche erhabene Plätze zu Opferstätten, zu Siedelungsorten für Kapellen, Kirchen und Klöster oder zu Wohnstätten dämonischer Geister schuf, wird auch von den Menschen unserer Zeit künftigen Geschlechtern vererbt.
Als ich von meiner Höhe gegen Südwesten hin den allmählich höher werdenden, dunkelnden Gebirgsrand überblickte, erschien mir dieser Teil des Steilabfalls von besonderer Schönheit. Er hat etwas Apenninenhaftes, und ich mußte an eine Bemerkung Vischers, des Asthetikers, über die Alb denken, der von„reinen, fließenden Formen, südlicher Zeichnung vergleichbar“ spricht. Mir wurde bald klar, daßs die besondere Schönheit auf einer stärkeren Gliederung beruht. Während viele Vorsprünge der mittleren Alb, wie Messelstein und Breitenstein, im Profil bis an die braunen Juraschichten herunter geradlinig steil abgeschnitten erscheinen, zerfällt hier der Abfall in eine obere zurück- tretende und eine untere vorgeschobene Hälfte. Zwischen beide legt sich ein weithin verfolgbarer, ziemlich breiter grüner Terrassenstreifen. So gesellt sich hier der horizontalen Randgliederung eine nicht minder ausdrucksvolle vertikale. Nun wird sich nicht leicht ein besseres und einfacheres Beispiel für die Abhängigkeit einer großen, einheitlichen Landschaftsform von der einheitlichen Gesteinsnatur des Bodens finden


