Aufsatz 
Zur Konzentration des erdkundlichen Unterrichts. Ein Wandertag auf der schwäbischen Alb
Entstehung
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Ich ging am Rande der Höhe hinüber zum Linsenbühl und zum Gießstein. Nur der Abfall hat schönen, geschlossenen Wald, unter dessen Buchen sich Bergahorn, Linde, Esche und Ulme mischen. Die Eiche zeigt sich viel seltener. Ihr behagt die Genossenschaft der Buche nicht allzusehr. Nadelholz habe ich in den letzten Tagen am mittleren Albrand kaum gesehen. Nur die beiden äußtersten Flügel der Schwaben- alb, im Nordosten und Südwesten, haben geschlossene Fichten- und Tannenwälder. Vom schrägen Waldboden zu meiner Rechten leuchten die roten Beeren des Seidelbastes herauf, an den Steilhängen und Felsen glänzen die silbernen Blattunterseiten des Mehlbeerbaumes, einer Charak- terpflanze der Albfelsen, die mich, wie Wachholder und Weinrose, tage- lang begleitete. Auf der Albfläche zur Linken ist der Wald längst gereutet. Einzelne uralte Eichen und Linden, die an die Vorzeit ge- mahnen, trifft man wohl da und dort im Innern der Hochfläche an Höfen und Kreuzwegen. Ebereschen umsäumen die Hochstraßen. Weite Strecken sind baumlos. Hier oben drängt sich schattiges Buschwerk zwischen die bunten Matten der vielen kalk- und wärmeholden Kräuter und Gräser, die meine Gedanken auf manche andere ferne Felshöhe, auf manche sonnige, deutsche Hügelkuppe führen, Wo ich mit dieser kleinen Blumengesellschaft innig befreundet wurde. Das Goldgelb herrscht um diese Jahreszeit auf den Matten vor. Es ist die Blütezeit der gelben Leguminosen, des Hornklees, Hufeisenklees und Wundklees. Es fehlen auch das gelbe Labkraut und das feine goldige Ciströschen nicht. Da- zwischen blühen der dunkelblaue Bergehrenpreis, die schlanke Tauben- skabiose, die schöne großblumige Braunelle, der niedere, dem kahlen, narbigen Kalk sich anschmiegende Berggamander und manches andere liebe Gewächs. Sie alle gehören zu einander und zu dem warmen trockenen Boden der Felsenkante, die an ihren nach Süden gekehrten Stellen am buntesten ist. Was wäre dieser Boden ohne die Lebhaftig- keit dieser blühenden Kleinwelt, auf welcher der Blick, zurückkehrend von den ernsten Linien der Weite, mit ähnlichem, wenn auch nicht so tief empſundenem Vergnügen verweilt, wie das von der Größe der Firn- felder ermüdete Auge des Alpenfahrers auf den Gentianen und Solda- nellen, die seine Raststätte umstehen. Auf den Skabiosen sitzen die kleinen Zygänen. In der heißen Luft des Mittags fliegen Damenbretter, Bläulinge und Silberstriche; Sommervögel nennt sie der Albler.

In der Nähe der großen, tropſsteinreichen Nebelhöhle, des sagen- haften Zufluchtsortes des Herzogs Ulrich, gelangte ich zwischen hoch- stämmigen Buchen auf einen schönen Waldplatz, auf dem Tische, Bänke und wenige Bretterhütten standen. Hier, wo ich einsame Rast hielt, hallt am Pfingstmontag der Jubel eines Frühlingsfestes, eines schwäbischen Volksfestes. Vom waldigen Felsenrand albeinwärts wandernd, sah ich heute das Volk der Albler bei der Arbeit, einer heißeen, aber fröhlichen