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Heute ist die Albfläche ganz wasserarm, ja in vielen Strichen wasserlos. Das Kalkgestein saugt die Niederschläge gierig auf; sie sickern in die Tiefe, Höhlen und Klüfte auswaschend, die hier und da, ganz wie in Karstländern, mit Trichtergruben der Oberfläche in Ver- bindung stehen, und springen erst dort, wo sie auf Tonbänke treffen, als Randquellen zu Tage. Man kann am Nordwestrand zwei solcher Quellhorizonte gut beobachten, da im Gebiete des weißen Jura zweimal Ton- und Kalkbänke wechseln. Noch tiefer liegt ein anderer Quell- horizont, dort wo die obersten Tone des braunen Jura vom Sockel zur steileren Böschung überleiten. Wo man auf der Alb selbst Brunnen antrifft, wie hier und da gegen die Donau zu, gehören diese immer einzelnen Tonen und Mergeln an, die als Fetzen über die Fläche verstreut sind. In trockenen Zeiten müssen auch die Quellen oft versiegen, und über manches kleine Trockentälchen bin ich in diesen Sommertagen durstig geklettert. Einen großen Segen bedeutet für die Albgemeinden, die sich früher kümmer- lich mit Regenfängern und-behältern behelfen mußten, die 1800 vollendete Albwasserversorgung, die Talwasser auf die Hochfläche emporhebt.
Die in deutschen Landen ungewohnte Karstnatur der weiten Fläche, die manchen allzu hastigen Reisenden vertreibt, ehe er ihrer eigenarti- gen Schönheit bewußt geworden ist, vertieft den Zug gleichförmiger Stille, den die Bodenform trägt. Das lebendige Element der Bäche fehlt, in dem der Wandrer die gleichgestimmte Seele grüßt. Es fehlen die Erlen und Weidichte in den Dörfern. Das Fließen der Wolken und ihrer Schatten, das schwache Wogen der Dinkelfelder und Wiesen- gräser, der Flug eines Vogels oder eines Falters sind in ruhigen Tagen, mit denen der Wind nur spielt, oft die einzigen Bewegungen, ein Raub- vogelschrei, ein Lerchenlied, ein ferner Glockenton oft die einzigen Laute, die durch die stundenweite Einsamkeit gehen.
Dicht am Abgrund neben dem Lichtensteinfelsen steigt eine klei- nere Felsnadel auf. Sie trägt die Büste Hauffs. Unten auf dem grauen Kalk bewegen sich die großen Goldblumen des Alants, über der Stirne des Dichters gaukeln Perlmutterfalter. Die jungen Augen blicken am Schlößchen vorbei talaus. Hätte ich statt des zierlich-kecken neueren Baus und seiner Zinnen und Türmchen das bescheidene Jägerhaus aus Hauffs Lebzeiten angetroffen, das Bild hätte mir wohl nicht schlechter gefallen. Die alte Ritterburg, die noch früher hier stand, muß eine der sichersten gewesen sein. Der steile ungeschichtete Felsenkalk ist wie geschaffen zum Grunde fester Burgen. So thront auf ihm die mächtigste Albruine, der Hohenneuffen, so die Teck, so der Reußenstein, dessen Erbauung die Sage auf einen ungeschlachten, gutmütigen Riesen zurück- führt, wie Hauff in seinem Lichtenstein erzählt. Hinter der Burgenreihe, die auf den vorgeschobenen Einzelbergen ruht, zieht sich so an der Kante des Gebirges ein zweiter Burgenkranz entlang.


