Aufsatz 
Zur Konzentration des erdkundlichen Unterrichts. Ein Wandertag auf der schwäbischen Alb
Entstehung
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Gefäll abfließende Wasser fraß seine Täler und Tälchen vom Rande her in das Gebirge hinein. So entstanden zahlreiche Vorsprünge. Der Felsen des Neuffen, noch durch einen etwas niedrigeren Grad mit dem Albkörper verbunden, ist eines der vielen Beispiele. Nachbartäler, die bei ihrer beständigen Rückwärtsbewegung sich seitlich trafen und ver- einigten, schnitten Inseln vom Gebirge ab. Die von draußen herein- grüßende Achalm und die meisten der vorgelagerten Kegelberge, Staufen und Zollern voran, gehören zu ihnen. Täler, die der Albrichtung folgen, sind selten. Die obere Fils durchläuft ein solches. So verstehen wir, wie der einheitliche Eindruck, den wir allenthalben auf der Neckarseite von diesem wallartigen Gebirge empfangen, das wie eine Steilküste ohne brandendes Meer aufragt, auf dem einheitlichen, großzügigen Zer- störungswerk des Wassers beruht, das hier klarer zu überschauen ist als in den meisten anderen Gebirgen, wo infolge der Bodenform die Zertrümmerung viel mehr aus der Höhe in die Tiefe als von außen nach innen geht. Der vielgegliederte Steilsturz ist die gegenwärtige Phase einer unaufhaltsamen Bewegung, die ebenso unaufhaltsam ist wie die ehemalige Hebung des festen Bodens und wie das mähliche Zurück- weichen des Meeres. Diese Bewegung ist dem Abfließen des Meeres wesensverwandt, es ist ein Abfließen des Landes. Auch der härteste dieser festverwachsenen Schwammfelsen ist etwas Flüssiges für das Ungeheuer Zeit, dem es geringen Unterschied bedeutet, ob die Tropfen einer Welle in einer Sekunde sich heben und senken, ob die Wolken- form in wenigen Minuten sich türmt und glättet, oder ob Jahrmillionen zu einem Vorgang nötig sind, den nur ganz anders organisierte Sinne und Wesen als die unseren als eine fortwährende Bewegung gewahren könnten.

Freilich braucht die Geschwindigkeit einer solchen Bewegung nicht allezeit die gleiche zu sein. Auch da machen sich vermutlich oft rhyth- mische Erscheinungen größten Maßstabes geltend. Der Kraftfülle des Niagara traut man beim ersten Anblicke die verhältnismäßig rasche Gesteinszernagung und Rückwärtswanderung zu, die kleine Echaz drunten im Talgrunde muß erst den Gedanken an eine aeonenhafte Vergangen- heit wachrufen, ehe sie uns den ganzen Taleinschnitt mit seinen hohen, zerklüfteten Wänden als ihr und ihrer Genossen Werk erklären kann. Es hat sicherlich Zeiten gegeben, wo die Albzuflüsse des Neckars weit wasserreicher waren als jetzt, weil der Himmel reichlichere Niederschläge spendete und die Albfläche, ohne vergletschert zu sein, über größere und dauerndere Mengen von Schnee und Eis verfügte. Damals muß die Randzerbröcklung schneller vor sich gegangen sein als heute. Und es werden vielleicht ähnliche Zeiten wiederkommen wie jene, wo der Mensch hier noch mit Höhlenbären und Renntieren lebte, und mit ihnen eine Beschleunigung der südöstlichen Wanderung der Täler und Quellen und der Mauer des Gesteins.