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auch über den Durchbruchstälern mancher deutschen Bergländer, wie an vielen Stellen des rheinischen Schiefergebirges, Verwandtes wahr- nehmen. Vor solchem Bilde empfindet man gut den Gegensatz zwischen der epischen Breite und Ruhe der Hochfläche und der beweglichen Lebendigkeit des buchten- und tälerreichen Steilabfalls, dessen freundlich sich einschmeichelnde lyrische Idylle hier allerdings wenig von der ernsteren Romantik der Neuffengegend oder der Filslandschaft hat. Und wie eigen mutet die Albfläche den Wanderer an, der eben aus der um einige Hunderte von Metern tiefer gelegenen Hügellandschaft ihres Sockels kommt, zumal in diesen blauen Tagen, wie sie mir jetzt beschieden sind. Auch durch die heißesten Stunden geht hier ein frischerer Zug, die Höhenluft macht Formen und Farben klar und rein. Die Rundungen des Geländes, der Wälder, der Felsen sind bestimmter, die Schatten tiefer, die grünen und gelblichen Farben der Wiesen und Felder gesättigter, die durch kristallene Bläue schwimmenden Wolken von glänzenderer Weiße. Zwar ist das Blickfeld hier durch die Gelände- form beschränkt, aber ersteigt man nun das Schloßtürmchen, so sieht man eine weit hinausgedehnte, südöstlich gegen die Donau hin ganz allmählich sich neigende Fläche, die, ohne eine Ebene zu sein, unter ihren flachen Bodenwellen die Grundform der Ebene erkennen läßt, in ihrer schlichten Größe dem leichtbewegten Meere verwandt.
Liegt die Verwandtschaft nur im landschaftlichen Eindruck? Geht nicht auch hier die eine Wurzel des vergleichenden Gedankens tief in die Gesetzmäßigkeit des Werdens, des Gewordenseins? Mein Denken schweift unermeßliche Zeiträume zurück. Ich sehe unter mir das ge- waltige, weite Jurameer. In seinen Fluten tummeln sich urtümliche Saurier, unzählige Ammoniten, unendlich langsam sich wandelnd, Scharen von Gryphaäen, Belemniten, Terebrateln, Vertreter einer reichen Tierwelt, die längst nicht mehr oder nur in kümmerlichen Abkömmlingen lebt. Es ist kein gleichzeitiges Nebeneinander aller Formen, es ist eine Auf- einanderfolge durch Riesenzeiten. Ich sehe die Kolonien altertümlicher Schwämme, in seichteren Küstengewässern die Korallen ihre Kalkbauten aufführen, wie es ihre Nachkommen in den heutigen Meeren noch tun. Zwischen ihren Bauten gewahre ich das stete Wachsen horizontaler Schlammschichten, in denen Tierleichen und Tiergehäuse eingebettet werden wie in einem Grab, das vielen von ihnen eine späte Auferstehung und ihren Formen Unsterblichkeit bereitet. Der Boden hebt sich, das Meer fließt langsam ab, die Schichten sind erstarrt. Gewiß, jene kahlen im Sonnenschein glänzenden Kalkfelsen am oberen Albrand werden dadurch nicht schöner, daß ich ihre Entstehung kenne. Aber vertieft sich nicht ihr Eindruck, steigert sich nicht das Trotzige oder Kecke, das sie zur Schau tragen, in das Ehrfurchtgebietende, wenn ich weiß, daß sie alle, auch die Felsnadel, auf der ich samt dem Schlößchen


