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Spinnen. Gar nicht so lange soll es her sein, daß ihr das Landvolk noch Opfer darbrachte, indem es auf einen Stein des felsigen Abhangs Hornknöpfe, sogenannte Remsele, niederlegte oder wohl auch Sonnen- steine, wie hier und da die im Kalkgestein sitzenden Ammoniten heißen, in denen die Leute das seltsame Naturspiel eines Sonnenkonterfeis sehen. So zierlich klingt eine uralte Opfersitte aus.
Die Wände des Echaztales steigen von der Sohle aus schräg unter ihren Laubwaldmänteln auf, um oben in der Nähe des Plateaurandes an vielen Stellen klippen- und zinnenartig, steil in weißer Nacktheit, vorzuleuchten. Der Gegensatz des Buchengrüns zu diesem Grauweiß der Felsen ist, ohne ganz an den ähnlichen Farbengegensatz heran zu reichen, den Rügens Kreideküste zeigt, einer der schönsten landschaft- lichen Charakterzüge des ganzen Nordtraufs, wie die Schwaben den Steilabfall gegen das Neckarland zuweilen nennen. Noch ehe ich Unter- und Oberhausen durchschritten hatte, gewahrte ich im Hintergrunde des Tales auf solchem kühnen Riffe das Schlößchen Lichtenstein. Tief unter dem kleinen mit dem Mittelalter kokettierenden Baugewächs lagert sich der Flecken Honau quer über den Kalktuff des Talgrundes, der hier, zwei Wegstunden von Reutlingen entfernt, schon zu Ende ist. Klein sind die meisten der senkrecht zur Gebirgsrichtung in den Kall- block einschneidenden Randtäler. Hinter dem Orte schließen sich die Talseiten, ein wenig sich neigend, zusammen, und die Bahn erklimmt die Honauer Steige, an der Echazquelle vorbei, zwei Kilometer lang mit dem Zahnrad, um oben auf der Höhe weiterzufahren. Schon zu Römerzeiten half dieser kleine Paß Neckar und Bodensee verbinden. In Honau fand ich das Tor eines großen Gasthauses verschlossen, den Garten verwildert. Man klärte mich im Flecken auf, das Haus stehe schon lange verlassen, da zu wenig Fremde kämen. Auch klagte man — eine seltsame Sommerklage—, es gäbe keinen eigentlichen Winter und keine rechte Schlittenbahn mehr. Die droben auf der Alb hätten es da freilich besser.
Schnell war ich zwischen den Buchen emporgeklommen zum seit- lichen Steilrand und freute mich der lieben Tallandschaft unter mir, in deren winkelscharfen Einschnitt die schon ferne Achalm über die Urselbergterrassen hereinblickt. Die nahezu senkrechten weißen Felsen mir gegenüber sind nun keine Blickschranke mehr wie für den Tal- wanderer. Sie gehen fast unvermittelt in einen schön geschwungenen Rücken über, auf dessen smaragdenen Matten rotdachige Albdörfer be- haglich sich strecken, als seien sie sich des nahen Abgrundes nicht bewußt, während die schlanken Schatten der Sommerwolken langsam über Wald und Gestein, Dächer und Matten gleiten. Der unvermittelte Ubergang des Steilrandes in die Hochfläche ist die am meisten charakteristische landschaftliche Eigenart des nordwestlichen Gebirgsrandes, wenn wir


