Aufsatz 
Zur Konzentration des erdkundlichen Unterrichts. Ein Wandertag auf der schwäbischen Alb
Entstehung
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sie hat die Erdgesetzlichkeiten der Erscheinungen aufzudecken. Die sich anbahnende Entwicklung einer allgemeinen, die Anthropogeographie mit einschließenden Biogeographie zeigt diesen besonderen Charakter der Erdkunde als deutliches Beispiel: man erkennt einheitliche Ursachen, die in der Ausbreitung des Lebendigen tätig sind, man sieht allgemein- gültige Wirkungsweisen des Raumes und der Bodengestalt. Wie vertieft ist heute die politische Geographie gegenüber dem, was man früher unter diesem Namen verstand!

Diese Entwicklung mußte auch auf den erdkundlichen Unterricht der höheren Schule umgestaltend wirken. Wenn die Umgestaltung mit der Entwicklung selbst nicht gleichen Schritt hält, so ist das keine auffällige Erscheinung. Nun wäre es freilich falsch, wenn neue Lehr- systeme dem reichlichen Stoff eine neue Last aufbürden wollten. Wir können keine großen Wissenschaftssysteme in der Schule gebrauchen. Aber die Begriffe, die der Unterricht zu schaffen hat, sollen Leben und Zusammenhang gewinnen. Dieser Unterricht ist berufen, die einzelnen Teile der Naturwissenschaften, der anorganischen und organischen, nach der unnatürlichen Trennung, der sie in den anderen Stunden unter- worfen sein müssen, wieder zu vereinigen, er hat den Einzeldingen das Zerstückte und Zerrissene, das Tote, zu nehmen. Und da dieser Unter- richt auch Völker und Staaten betrachten muß, so lehrt er die Menschen als ein Glied des großen planetaren Lebens erkennen und wird so zum eigentlichen Band zwischen Naturwissenschaft und Geschichte.

Die Geographiestunden haben aber noch eine andere Bedeutung. Jedem Fach ist eine aesthetische Seite eigen. Sinnfällig kann die Erd- kunde diese Seite offenbaren, indem sie das Landschaftliche betont, das, wie es geographisch etwas organisch Zusammengehöriges ist, ästhetisch unmittelbar als Einheit wirkt. Der Unterricht muß die eine Einheit als Ausdruck der anderen ahnen lassen. Hier liegt nach meiner Ansicht ein bedeutungsvolles ästhetisches Moment dieses Unter- richts. Zur Bildanschauung tritt die Schilderung. Je reiner diese aus der wissenschaftlichen Erfassung des Ganzen erwächst, ohne in den lehrhaften Ton der Beschreibung zu fallen, desto wahrer ist sie, desto näher kommt sie der Schönheit des Landschaftsbildes. Nun ist es ja ausgeschlossen, alles in dieser Weise zu behandeln. Das ist auch gar nicht nötig. Aber von Zeit zu Zeit ist ein solcher landschaftlicher Aus- flug, der nicht nur den Verstand zu beschäftigen hat, für Schüler und Lehrer eine Wohltat. Die Schilderung hat dabei vor dem bewegungs- losen Bilde noch den Vorzug, daß sie wandern kann, daß sie Bilder auf Bilder vor dem geistigen Auge entrollt. Daß man die Schilderung des Selbsterlebten jeder anderen vorziehen wird, ist klar. Auch braucht nur angedeutet zu werden, wie gerade die Vaterlandskunde durch eine stärkere Bewertung des Landschaftlichen bereichert wird.

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