Aufsatz 
Über die Behandlung der Lektüre, in's Besondere der Maria Stuart von Schiller
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Siebenter und achter Auftritt. Wie ſich Eliſabeth in Mortimer täuſcht, dem ſie das alleinige Wächteramt bei Maria anvertrauen will, ſo täuſcht ſie ſich auch in ihrem Günſtling Lei⸗ ceſter. Nur ſcheinbar iſt er ihr ganz ergeben, während ſein Herz vielmehr ganz der Maria angehört, der er nur ſcheinbar feindlich gegenüber tritt. Auch erwartet Maria nur allein von ihm ihre Ret tung, dem ſie ſchon,ehe ſie die Hand dem Darnley gab, und noch der Glanz der Hoheit ſie um⸗ lachte, als Gemahlin zugedacht war. Damals hielt Leiceſter die Hand Mariens für ſich zu klein und wies das Glück von ſich, und jetzt fühlt er ſich unwiderſtehlich von Eliſabeth auf dem Throne zu Maria im Kerker hingezogen Charakterlos, wie er iſt, kann er ſich, obgleich es ſich um Mariens Rettung handelt, zu keinem Wagniß entſchließen; er zittert vor jeder Gefahr, und ihm fehlt jede Kraft zur That. Er, der ſie beſitzen will, wagt nichts, dagegen Mortimer, der ſie nur retten will, Alles.

Neunter Auftritt. Da Leiceſter durch Mortimer von dem geheimen Auftrag, den letzte⸗ rer von der Eliſabeth in Betreff Mariens Beſeitigung erhalten, unterrichtet iſt, will er die Königin durch Liſt dazu bringen, das Angeſicht der Gegnerin zu ſehen, indem er Burleigh's Meinung iſt, daß das Urtheil nicht mehr vollzogen werden kann, wenn ſie ſie geſehen. Daher überhäuft er ſie mit Liebesſchwüren, ſeufzt über den bittern Verluſt, den er durch ihre bevorſtehende Vermählung er⸗ leide, und ſchmeichelt vor Allem ihrer Schönheit, von der er ganz geblendet zu ſein vorgiebt. Eli ſabeth giebt ihm zu verſtehen, daß er ihr zwar lieb und theuer wäre, daß es ihr aber nicht, wie der Stuart, vergönnt wäre, ihre Hand nach ihrer Neigung zu verſchenken. Es gelingt dem Leiceſter, die weibliche Eitelkeit bei Eliſabeth zu reizen, und ihre Eiferſucht auf die Schönheit der Maria zu erwecken. Noch war Beides in den beiden Frauen nicht in die Schranken getreten. Dies und ſo⸗ mit der Höhepunkt und die Kataſtrophe des Stückes bereitet ſich in dieſem Auftritt vor. Leiceſter beredet die Eliſabeth, zu ihren vielen Triumphen auch noch den der Schönheit zu fügen, ſich im königlichen Glanze als Braut eines franzöſtſchen Königsſohns der zu zeigen, die die ſchönſten Hoff⸗ nungen des Lebens hinter ſich hat, und ſo det Maria die höchſte und größte Beſchämung zu be reiten,wenn ſie mit eignen Augen(denn der Neid hat ſcharfe Augen) überzeugt ſich ſähe, wie ſehr ſte auch an Adel der Geſtalt von der beſiegt wird, der ſie ſo unendlich in jeder andern würd' gen Tugend weicht. Was Maria alſo als Gunſt gefordert, ſoll Eliſabeth ihr als Strafe gewähren.

Dritter Akt.

Erſter bis dritter Auftritt. Die Pforten des Kerkers haben ſich der gefangenen Kö⸗ nigin geöffnet; mit geflügelten Schritten durcheilt ſie den Park von Fotheringhay und genießt in vollen Zügen und mit ſchwärmeriſchem Entzücken die langentbehrte Freiheit. Aus der ihr gewährten Gunſt der größeren Freiheit ſchöpft ſie die Hoffnung auf ihre baldige Erlöſung aus der Gefangen⸗ ſchaft. Als ſie durch Paulet auf das baldige Zuſammentreffen mit Eliſabeth vorbereitet wird, ſchau⸗ dert ſie zurück; ſie erkennt das Entſcheidungsvolle dieſes Augenblicks, und was ſie ſich als höchſte Gunſt erbeten, dünkt ihr jetzt ſchrecklich, fürchterlich; denn die Erinnerung an die erlittenen Krän⸗ kungen ſteigt lebendiger, denn je, in ihr empor und verſcheucht jede Neigung zur Verſöhnung. Sie bricht in die Worte aus:Ach mein Verderben hab' ich mir erfleht, und mir zum Fluche wird mein Flehn erhört! Nie hätten wir uns ſehen ſollen, niemals! Daraus kann nimmer, nimmer Gutes kommen! Ch' mögen Feu'r und Waſſer ſich in Liebe begegnen, und das Lamm den Tiger küſſen. Ich bin zu ſchwer verletzt ſie hat zu ſchwer beleidigt Nie iſt zwiſchen uns Verföhnung!

Vierter Auftritt. Eliſabeth erſcheint mit ihrem Gefolge, hebt gefliſſentlich die abgöt⸗

tiſche Verehrung ihres Volkes hervor, und wendet einen kalten, prüfenden Blick, aus dem kein Herz 2