Aufsatz 
Über die Behandlung der Lektüre, in's Besondere der Maria Stuart von Schiller
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19 wendung für die glaubensverwandte Maria enthalten werde. Während alſo Eliſabeth bei der Wahl eines Gatten der Politik Rechnung tragen zu müſſen glaubt, folgte Maria, als ſie noch frei war, allein dem eignen Herzen und der Leidenſchaft.

Dritter Auftritt. Nachdem die franzöſiſchen Geſandten und die Lords entlaſſen ſind, beeilt ſich Burleigh, als Vertreter des engliſchen Volks und deſſen Geſinnung, von der Eliſabeth die Beſtätigung des Todesurtheils zu verlangen, damit der politiſchen Freiheit und der neuen Re⸗ ligion, ſo wie auch ihrem eigenen Leben nicht ferner mehr Gefahr drohe von der Stuart, die mit der Liebesfackel Englands Reich entzünder, und für die im fanatiſchen Eifer ſich immer neue Kämpfer erheben, um ſie auf den engliſchen Thron zu ſetzen.Kein Friede iſt mit ihr und ihrem Stamm! Du mußt den Streich erleiden oder führen; ihr Leben iſt dein Tod, ihr Tod dein Leben!

Dem Burleigh tritt der edeldenkende, hochherzige, ehrwürdige Talbot entgegen, der von einem allgemein menſchlichen, nicht durch die Parteianſichten der übrigen Räthe der Krone erzeugten Geſichtspunkte aus zur Milde und Schonung der ſchweſterlichen Königin räth, deren Vergehungen er mit der dem Weibe innewohnende Schwäche zu entſchuldigen ſucht. Da Eliſabeth nichts von weiblicher Schwäche hören will, indem ſie ſich ſelbſt für ſtark hält, weiſt er mit Nachdruck auf den Gegenſatz in der Erziehung beider Königinnen hin und ſagt:Dir war das Unglück eine ſtrenge Schule; nicht ſeine Freudenſeite kehrte dir das Leben zu. Du ſaheſt keinen Thron von ferne, nur das Grab zu deinen Füßen. Maria dagegen, als zartes Kind an den leichtſinnigen Hof Frank⸗ reichs verpflanzt, vernahm dort in der Feſte ew'ger Trunkenheit der Wahrheit ernſte Stimme nie, und wurde um ſo mehr von dem Glanze der Laſter umſtrickt, als ſie zugleich der Frauen ſchönſte iſt geweſen. Indem ſich ſo Politik und Menſchlichkeit, ſtarres, unerbittliches Recht und verſöhnende Milde und Gnade in Buͤrleigh und Talbot bekämpfen, erſcheint

im vierten Auftritt Paulet, ſtellt ſeinen Neffen Mortimer der Eliſabeth vor und über⸗ bringt ihr zugleich das Schreiben der Maria, worin dieſe um die Gunſt einer perſönlichen Unter redung bittet. Eliſabeth wird durch den Brief über den Wechſel des menſchlichen Glücks bis zu Thränen gerührt, und während Talbot, dieſe Stimmung benutzend, die Königin auffordert, der ſanf⸗ ten Regung ihres Herzens nachzugeben, der Tiefgefallenen die Hand zu reichen und wie eines Engels Lichterſcheinung in ihres Kerkers Gräbernacht hinabzuſteigen, Burleigh dagegen ſie ermahnt, ſtand haft zu bleiben und nicht in die Unterredung zu willigen; ſucht Leiceſter, der anders im Gericht ſpricht, als im Staatsrath, und deſſen Meinung bald durch's Recht, bald durch Vortheil bedingt wird, vermöge ſeiner Doppelſtellung zwiſchen beiden Königinnen eine Vermittelung herbeizuführen, indem er ſagt:Englands Geſetz, nicht der Monarchin Wille verurtheilt die Maria. Würdig iſt's der großen Seele der Eliſabeth, daß ſie des Herzens ſchönem Triebe folge, wenn das Geſetz den ſtrengen Lauf behält.

Fünfter und ſechſter Auftritt. Eliſabeth möchte gern von ihrer gefährlichſten Feindin befreit ſein, ohne in die Nothwendigkeit verſetzt zu werden, das Todesurtheil zu beſtätigen, um ſo wenigſtens den Schein zu retten, dennwas man ſcheint hat Jedermann zum Richter; was man iſt hat keinen, und glaubt, in Mortimer den Mann gefunden zu haben, der durch heimliche Ermordung der Maria wenigſtens ihren Antheil an deren Tod in ew'gen Zweifel hüllen könnte. Mortimer geht ſcheinbar auf ihren Wunſch ein, wendet ſich aber in dem folgenden Selbſtgeſpräch, trotzdem ihm ein hoher Preis als Lohn für ſeine That in Ausſicht geſtellt iſt, mit aller Verach⸗ tung von ihr ab:Geh,, falſche, gleißneriſche Königin! Wie du die Welt, ſo täuſch' ich dich. Du haſt nur todte Güter zu vergeben, nie haſt Du liebend einen Mann beglückt.