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ſie ſeien nicht ihres Gleichen, und nur Könige können ihre Peers ſein. Außerdem ſeien ſie Pro⸗ teſtanten, Eiferer für Englands Wohl, die über ſie, die Königin von Schottland und die Papiſtin den Spruch gefällt, wiewohl ein alt Geſetz beſtimmt,„daß vor Gericht kein Britte gegen den Schotten, kein Schotte gegen Jenen zeugen darf. Es kann der Britte gegen den Schotten nicht gerecht ſein, iſt ein uralt Wort.“— Zu dieſem neuen Gegenſatz der beiden einander feindlichen Nationalitäten kommt noch die Verletzung der Rechtsformen, gegen die Maria proteſtirt. Geſetzlich war's, den Kläger dem Beklagten vorzuſtellen; doch dies war nicht geſchehen. Im Uebrigen weiſt Maria alle Anſchuldigen, als: den Saamen des Bürgerkrieges ausgeſtreut, Verſchwörungen zum Umſturz der Religion des Landes und zum Sturze der Eliſabeth angezettelt zu haben, weswegen ſie grade zum Tode verurtheilt worden war, mit der größten Entſchiedenheit zurück, und ſagt zuletzt von der Eliſabeth:„Ermorden laſſen kann ſie mich, nicht richten! Sie geb' es auf, mit des Ver— brechens Früchten den heil'gen Schein der Tugend zu vereinen, und was ſie iſt, das wage ſie zu ſcheinen.“
Achter Auftritt. Burleigh iſt von der wahrhaft königlichen Haltung der Gefangenen, die ſie bei der Verkündigung ihres Todesurtheils ihm gegenüber gezeigt, betroffen, und da er die Verletzung der Rechtsformen bei ihrem Prozeß nicht wegläugnen kann, andererſeits aber die Noth⸗ wendigkeit erkennt, daß Maria der Eliſabeth gegenüber fallen muß, ſo ſpricht er aus der Seele ſeiner Königin gegen Paulet den Wunſch aus, daß es für den Ruf der Eliſabeth am gerathenſten wäre, wenn man ſich der verhaßten Feindin auf heimliche und ſtille Weiſe entledigte; denn„das Richterſchwert, womit der Mann ſich ziert, verhaßt iſt's in der Frauen Hand. Die Welt glaubt nicht an die Gerechtigkeit des Weibes, ſobald ein Weib das Opfer wird.“ Aber der treue, ſtreng rechtliche und edle Paulet weiſt eine ſolche an ihn geſtellte Zumuthung mit der ganzen Entrüſtung ſeiner ehrenhaften Geſinnung zurück und bricht in die Worte aus:„Kein Mörder ſoll ſich ihrer Schwelle nahn, ſo lang die Götter meines Dachs ſie ſchützen. Ihr Leben iſt mir heilig, heil'ger nicht iſt mir das Haupt der Königin von England.“
Zweiter Akt.
Wäͤhrend wir im erſten Akt die Maria äußerlich des königlichen Glanzes beraubt, in Ar⸗ muth, Entbehrung und Gefangenſchaft geſehen haben, in ihren Reden aber und in ihrem ganzen Verhalten ihre wahrhaft königliche Geſinnung und das volle Selbſtbewußtſein von ihrer angeſtamm⸗ ten Hoheit bewundern mußten, tritt uns als Gegenſatz hierzu, gleich bei der Schilderung, die uns im erſten Auftritt von dem Turniere bei der Bewerbung des Herzogs von Alencon gegeben wird, das glänzende Feſtgepränge, die ritterliche Galanterie, zugleich aber auch das Gepräge des Scheins und des Aeußerlichen am Hofe der Beherrſcherin von England entgegen, der von allen Seiten Weih⸗ rauch geſpendet wird.
Im zweiten Auftritt ſpricht Eliſabeth den franzöſiſchen Geſandten gegenüber, die für den Herzog Alengon um ihre Hand geworben, mit erheuchelter Beſcheidenheit aus, wie gern ſie in der Mitte ihres Volkes weile, das ſich, ſo oft ſie öffentlich ſich zeige, mit Segnungen um ihre Sänfte dränge; und wiewohl ſie ihren höchſten Ruhm darein geſetzt, daß man dereinſt auf ihrem Grabſtein läſe:„Hier ruht die jungfräuliche Königin,“ ſo will ſie doch ihre jungfräuliche Freiheit den Wün— ſchen ihres Volks zum Opfer bringen und nicht allein der Gegenwart, ſondern auch der Zukunft deſſelben ſich weihen, denn:„die Könige ſind nur Sklaven ihres Standes, dem eignen Herzen dür— fen ſie nicht folgen.“ Doch erklärt ſie ſich nicht beſtimmt in Betreff der durch die Politik, nicht durch Herzensneigung diktirten Vermählung und erwartet von Frankreich, daß es ſich jeder Ver—
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