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ſam weggenommen. Aber nicht allein dieſer Gegenſatz macht ſich bemerkbar, ſondern auch der An⸗ ſpruch abſolut königlicher Machtfülle, die über das gewöhnliche Recht erhaben iſt, gegen die Forde⸗ rung allgemeiner Rechtsgleichheit. Würde Maria ſich nicht weigern, den Edinburger Vertrag zu unterſchreiben und ihren Anſpruch auf Englands Thron aufzugeben, ſo würden ſich ihr ſehnell des Kerkers Pforten öffnen, und ſie wäre frei. Wiewohl ſie dieſe Weigerung als die einzige Quelle ihrer Leiden erkennt, ſo verſchmäht ſie es doch, ihr angeborenes königliches Recht auf den engliſchen Thron ihrer Befreiung zum Opfer zu bringen. Während ſie ſo als Königin das volle Bewußtſein angeſtammter Rechte bewahrt, erſcheint ſie zugleich als Weib, angethan mit Schönheit und Luſt und als eifrige, ſchwärmeriſche Katholikin,„den Chriſtus in der Hand, die Hoffahrt und die Weltluſt in dem Herzen.,,
Im zweiten Auftritt bittet die katholiſche, jeder Macht beraubte Maria die proteſtantiſche in Machtvollkommenheit thronende Eliſabeth, die ſie mit Augen nie geſehen, um die Gunſt einer Unterredung mit ihr, ſo wie um die Gewährung des Troſtes ihrer Kirche und der Wohlthat der Sakramente, die ſie ſchon lange im Gefängniß hat entbehren müſſen. Aber Beides verſagt eine Königin der andern, eine Schweſter der andern, da nicht nur verſchiedene Intereſſen des weltlichen Rechts, ſondern auch die katholiſche und proteſtantiſche Kirche einander gegenüberſtehen.
Im vierten Auftritt wird uns der Blick in Marias Jugend eröffnet. Der Jahrestag der Ermordung ihres Gemahls, des Königs Darnley, durch deſſen Tod ſie ſchon ſo jung eine ſchwere Schuld auf ſich geladen, läßt den blutigen Schatten des Ermordeten zürnend aus dem Grabgewölbe vor ihre ſchuldbewußte Seele ſteigen. In jugendlichem Leichtſinn, von blinder Liebesgluth ganz um— ſtrickt, zwingt ſie mit frechem Poſſenſpiel die Richter, den des Mordes angeklagten Bothwell von aller Schuld loszuſprechen, und reicht ihm vor dem/ Altar ihre Hand. Trotz der Reue und Buße wegen dieſer That, trotz der Abſolution der Kirche und trotz des Zuſpruchs, womit ihre Amme ſie zu tröſten ſucht, wird Maria doch von Gewiſſensbiſſen gequält und ahnet, daß die That ſich blutig an ihr rächen werde.
Fünfter und ſechſter Auftritt. Unerwartet findet die ſich ſchon von aller Welt ver⸗ laſſen wähnende Maria einen Freund. Es iſt Mortimer, der Neffe ihres ſtrengen Kerkermeiſters. Aufgeſäugt in finſterm Haß des Papſtthums, war der für äußere Eindrücke überaus empfängliche Jüngling auf ſeinen Reiſen in Rom durch die feierliche Pracht des katholiſchen Gottesdienſtes, der uns in ſeinem die Sinne entzückenden Kultus im Gegenſatz zu der kalten proteſtantiſchen Verehrung des körperloſen Wortes und zu dem finſtern Ernſt des Puritanismus in den glühendſten Farben geſchildert wird, überwältigt worden. Von dem Kardinal von Guiſe wurden ihm die Glaubensleh— ren der katholiſchen Kirche gedeutet; die Zweifel ſeines Herzens ſchwanden, und zum Katholicismus bekehrt, wird er durch die Jeſuiten in Frankreich eingeweiht in der Verſtellung ſchwere Kunſt. So vom religiöſen Fanatismus hingeriſſen, wirft er ſich zum Märtyrer auf für die ſchöne und nach ſeiner Meinung allein zum engliſchen Königsthrone berechtigte Maria. Religions- und Liebesfanatismus ſteigern ſich in ihm zur höchſten Leidenſchaft, und da die gefangene Königin von ihren Richtern be⸗ reits zum Tode verurtheilt iſt, und die Vollziehung des Urtheils vom Volke dringend gefordert wird, hat er ſich mit zwölf edlen Jünglingen des Landes zur Befreiung derſelben vereinigt. Keine Vor⸗ ſtellungen der Maria, nicht Babingtons, nicht Tiſchburns blut'ge Häupter, auf Londons Brücke warnend aufgeſteckt, vermögen ihn von ſeinem gefaßten Plane abzubringen.
Im ſiebenten Auftritt erſcheint Lord Burleigh, das vollendete Muſter eines engliſchen Staatsmannes und eines ſeinem Lande, wie ſeiner Königin treu ergebenen Dieners, und bringt das Urtheil der Richter. Maria erkennt dieſen Richtern aber nicht das Recht zu, über ſie zu richten,


