Aufsatz 
Über die Behandlung der Lektüre, in's Besondere der Maria Stuart von Schiller
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Klaſſe vorbereitet, und man braucht nicht allzuviel Zeit, dieſes Kapitel im Zuſammenhange zu wie⸗ derholen. Bei der Entwicklung des Gedankenganges namentlich epiſcher Gedichte iſt darauf aufmerk⸗ ſam zu machen, wie der Dichter in ſeiner Darſtellungsweiſe einer Begebenhett abweicht von der proſaiſchen; und wir halten es für eine ſehr gute Uebung, wenn die Schüler angehalten werden, dergleichen erzählende Gedichte, wenn ſie durchgenommen ſind, ausführlich, aber nur an den Haupt⸗ inhalt ſich haltend, in ungebundener Rede wiederzugeben. Außerdem iſt es eine ſehr nützliche Auf⸗ gabe, daß gegen Ende eines Semeſters die Schüler für einzelne Dichtungsarten Beiſpiele von ver⸗ ſchiedenen Dichtern aufſuchen und vorleſen müſſen, wodurch ſie nicht nur zum Selbſtprüfen genöthigt, ſondern auch im ausdrucksvollen Leſen geübt werden. Ueber die Behandlungsweiſe des Leſeſtoffes in den beiden oberen Klaſſen haben wir bereits oben im Allgemeinen unſere Anſicht ausgeſprochen. Das Hiſtoriſche und zum Verſtändniß des zur Erklärung vorliegenden Gedichtes Nöthige wird vor⸗ ausgeſchickt; eben ſo was erforderlich iſt, um das Versmaß zu zeigen, den Rhythmus erkennen zu laſſen, und die Anlage des Ganzen und ſeiner Haupttheile näher zu bezeichnen. Beim Leſen ſelbſt kommt es darauf an, daß nach beſtimmten Abſchnitten der Lehrer bemüht iſt, ſowohl fragend, als auch erörternd die Natur der Gedanken, ihre Folge und Beziehungen darzulegen, Dunkelheiten und ſchwierige Verbindungen zu erklären und auf die Zweckmäßigkeit und Eigenthümlichkeit des Aus⸗ drucks und der gewählten Bilder aufmerkſam zu machen. Die Lektüre eines Dramas bietet wieder mannigfache Gelegenheit dar, wegen der vielfachen zur Sprache kommenden Beziehungen, als da ſind: die Fabel deſſelben, die Entwicklung und Fortſchreitung der Handlung ſowohl durch einzelne Scenen und Akte, als auch durch das ganze Stück, die Zeichnung und Durchführung der Haupt⸗ charaktere und ihre Vergleichung mit einander, die durchgeführte Grundidee und Tendenz der Dich⸗ tung, Stoff zu Aufſätzen und freien Vorträgen zu gewinnen. Gewöhnlich bearbeiten die Schüler dergleichen Themata mit vieler Luſt und Liebe, und der Lehrer hat die Freude, nicht ſelten recht ge⸗ lungene Bearbeitungen dieſer Gegenſtände zu erhalten. Bei der Lektüre ſolcher Stücke, die einen hiſtoriſchen Stoff behandeln, und grade dieſe würden wir vorzugsweiſe berückſichtigt wünſchen, iſt aus der Geſchichte das Nöthige über das hiſtoriſche Faktum und über die dabei betheiligten Haupt perſonen in kurzen, aber ſcharfen Umriſſen voranzuſchicken, ſo wie auch eine Belehrung über das Weſen des Dramas, wenn dieſelbe nicht ſchon in den anderen für den deutſchen Unterricht beſtimm ten Stunden gegeben worden iſt.

Somit hätten wir, wenn auch nur andeutungsweiſe und in ganz allgemeinen Grundzügen, unſere Anſicht über das bei der Lektüre zu beobachtende Verfahren dargelegt und wollen, um doch auch ein Beiſpiel zu geben, ſchließlich mittheilen, auf welche Weiſe wir mit den Schülern der erſten Klaſſe bei dem Leſen und Erklären der Schillerſchen Maria Stuart die fortſchreitende Entwick⸗ lung der Handlung dieſes Stückes aufzufinden und hinzuſtellen bemüht geweſen ſind, ohne jedoch näher auf die Hauptidee deſſelben und auf die Durchführung der Charaktere einzugehen, obgleich dieſe in ihren ſcharf gezeichneten Gegenſätzen reichen Stoff zur Betrachtung darbieten.

Erſter Akt.

Gleich in dem erſten Auftritt, in dem Geſpräch zwiſchen der Hanna Kennedy, der Amme der in Kerkerhaft ſchmachtenden Königin von Schottland, und dem Ritter Paulet, dem Hüter der unglücklichen Maria, tritt uns der Gegenſatz zwiſchen der königlichen Pracht und Fülle, von der die Maria, die an dem üppigen Hofe Frankreichs in jeder Freudenfülle aufgewachſen war, früher um⸗ rauſcht war, und der Aermlichkeit ihres Kerkers entgegen. Selbſt auch des Lebens kleine Zierden und die Erinnerungen an ihren früheren Glanz, ihr Schmuck, ihre Laute u. ſ. w. werden ihr grau⸗