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zu freiwillig gelernte Gedichte aufſagen, wobei ſich nicht ſelten ein erfreulicher Wettſtreit zeigen wird. Bei der Lektüre iſt es nicht nothwendig, daß immer das, was geleſen wird, ſich in den Händen aller Schüler befindet, wiewohl nicht in Abrede zu ſtellen iſt, daß es wünſchenswerth ſei, wenn wenigſtens in den unteren Klaſſen ein zweckmäßiges Leſebuch, welches alle Schüler beſitzen müſſen, vorhanden iſt, ſchon aus dem Grunde, weil es noch zu mehrfachen anderen Uebungen für den deut⸗ ſchen Unterricht nöthig wird. Lieſt der Schüler Etwas vor, was nicht in Aller Händen iſt, wird er alſo gradezu zum Vorleſer für die ganze Klaſſe beſtimmt, ſo bekommt das Leſen in ſeinen Augen eine viel größere Wichtigkeit und ſpornt ihn an, es ſo gut als möglich zu machen. Daher ſchlagen wir vor, daß der Lehrer von Zeit zu Zeit den Schülern, welche grade an der Reihe ſind, vorher Etwas zum Durchleſen gebe, oder ihnen auch geſtatte, ſelbſt Etwas auszuſuchen, wobei dann aber erſt von ihm zu prüfen iſt, ob es ſich zum Vorleſen eigne, oder nicht; die Wahl den Schülern ganz allein zu überlaſſen, könnte zu manchen Uebelſtänden und Verlegenheiten führen. Daß hierbei mit Proſaiſchem und Poetiſchem zweckmäßig abgewechſelt wird, verſteht ſich von ſelbſt.
Es bleibt uns nun noch übrig, Einiges darüber zu ſagen, wie wir den Leſeſtoff in den einzelnen Klaſſen behandelt und verarbeitet wünſchten. In den unteren und auch noch in den mitt⸗ leren Klaſſen dürfte es nicht zu billigen ſein, auf eine tiefere Erklärung der geleſenen Gedichte ein— zugehen. Iſt ein ſolches ſo ſchwer, daß es ſeinem Inhalte nach überhaupt nicht von dem Schüler verſtanden und aufgefaßt werden kann, ſo iſt alles Erklären vergebens, und es iſt demnach dem Standpunkt der Klaſſe nicht angemeſſen. Wird es aber im Allgemeinen verſtanden, ſo iſt eine zer— gliedernde Erklärung nicht nöthig. Es können dann nur einzelne ungewöhnliche Ausdrücke und ſchwierige Gedankenverbindungen ſein, die einer kurzen Erläuterung bedürfen, und ſolche werden bei— läufig von dem Lehrer erklärt. Daſſelbe gilt, wie es ſich von ſelbſt verſteht, für die Proſa. Iſt nun ein Stück ein, auch mehrere Male geleſen, ſo werden einzelne Schüler aufgefordert, die Reihen⸗ folge der in demſelben enthaltenen Gedanken anzugeben; wo Fehler und Sprünge gemacht werden, da ſucht man ſie durch eingeſtreute Fragen zu dem Richtigen hinzuleiten. Wenn ſo der ganze In⸗ halt des Geleſenen den Schülern zum klaren Bewußtſein gebracht iſt, dann wird derſelbe noch ein— mal in zuſammenhängender Rede von Einem oder dem Anderen reproducirt. Auf dieſe Weiſe ge⸗ wöhnen ſich die Knaben nicht nur an ein aufmerkſames Leſen, ſondern ſie bereichern auch ihren Ge— dankenſchatz und werden, was mit eine Hauptſache iſt, in der Sprachfertigkeit geübt. Nicht über⸗ flüſſig möchte es erſcheinen, dergleichen durchgeſprochene Leſeſtücke, namentlich Gedichte, von allen Schülern zu Hauſe ſchriftlich wiedererzählen zu laſſen, was wir wenigſtens für weit erſprießlicher und gewinnbringender halten, als wenn ſie ſich mit Auffinden und Niederſchreiben von Wörtern mit gegebenen Lauten, Vor- und Nachſilben, und was es dergleichen ganz nutzloſer Aufgaben mehr giebt, wahrhaft abquälen müſſen. Wenn wir dies Verfahren im Allgemeinen auch noch für Tertia bei⸗ behalten ſehen möchten, ſo muß doch wegen des nun ſchwieriger und mannigfaltiger werdenden Stoffes einen Schritt weiter gegangen werden. Da wir oben für dieſe Klaſſe Epiſches, Didaktiſches und Lyriſches, und aus der Proſa Charakteriſtiken, Schilderungen, Briefe u. ſ. w. beſtimmt haben, ſo wird der Schüler auch nothwendig auf den Unterſchied der verſchiedenen Dichtungsgattungen und Darſtellungsweiſen aufmerkſam gemacht werden müſſen. Von einer zuſammenhängenden Belehrung in der Poetik kann allerdings nicht die Rede ſein; es genügt, wenn der Lehrer im Allgemeinen ſagt, was epiſch, lyriſch und didaktiſch ſei, und wenn er an Beiſpielen zeigt, wie ſich dieſe Dichtungs⸗ gattungen von einander unterſcheiden. Ferner werden die wichtigſten Tropen und Figuren bei der Durchnahme des geleſenen Gedichtes eben ſo beiläufig erklärt, und andere ſprachliche Bemerkungen eingeſtreut. Auf dieſe Weiſe wird der ausführlicheren Behandlung dieſes Gegenſtandes in der erſten


