—
5
den, als es wohl in der Regel zu geſchehen pflegt. Das Leſen tritt gegen den trockenen, unerquick⸗ lichen grammatiſchen Unterricht, der die Kinder in der Weiſe, wie er betrieben wird, oft bis zum Sterben langweilen muß, viel zu ſeh in den Hintergrund; und wird auch öfters geleſen, ſo geſchieht es meiſtentheils nur, um das Leſeſtück grammatiſch zu zergliedern und die verſchiedenen Rede⸗ und Satztheile aus demſelben auffinden zu laſſen. Man folgere hieraus nicht etwa, als ob wir uns ganz und gar gegen den grammatiſchen Unterricht im Deutſchen erklären wollten; das ſei ferne von uns; aber gegen die Art und Weiſe, wie er leider wohl nicht ſelten noch ertheilt wird, müſſen wir uns ganz entſchieden und unumwunden ausſprechen. Eine Stunde wöchentlich ſollte billig in jeder Klaſſe das Leſen nur des Leſens wegen, aber ſo, daß das Geleſene auch verſtanden und verarbeitet wird, getrieben werden; ja, wir würden es wegen des nicht unerheblichen Gewinnes, der den Schü⸗ lern aus einer zweckmäßig geleiteten Lektüre erwächſt, nicht für überflüſſig halten, wenn wenigſtens in den beiden unteren Klaſſen auch noch mehr Zeit darauf vertheilt wird. Vor allen Dingen muß nun beim Leſen auf ein recht lautes und deutliches Sprechen gehalten werden, wie denn überhaupt in jedem Unterrichtsgegenſtande nicht genug darauf geachtet werden kann, daß die Schüler laut und vernehmlich ſprechen. Wie ſtörend und hemmend das Gegentheil für den Unterricht iſt(und doch findet man es ſo häufig), das wird jeder Lehrer erfahren haben, der bei den Antworten ſeiner Schü⸗ ler zu öfteren Malen leßtere auffordern muß, ihre Antwort zu wiederholen, weil er ſie nicht ver— ſtanden habe. Der Lehrer hat alſo zu allererſt darauf zu achten, daß jeder Knabe recht laut leſe, und daß er, weil das langſame Ausſprechen der Silben ganz beſonders die Deutlichkeit befördert, recht langſam leſe. Jedes unreine Bezeichnen der Vokale, jedes unterſchiedsloſe Einerlei verwandter Konſonanten, das Verſchlucken ganzer Silben und Wörter, alles Mängel, die noch ſo häufig grade in den unteren Klaſſen vorkommen, hat er ſofort zu rügen und zu verbeſſern. Bei jedem Satze, wo die Knaben fehlen, laſſe man inne halten und ihn wieder und wieder leſen, bis nichts mehr zu erinnern iſt; im ſchlimmſten Falle laſſe man die ganze Klaſſe leſen, ſei ſelbſt recht aufmerkſam, ſpreche ſelbſt recht laut und deutlich, dann wird der Fortſchritt zum Beſſeren nicht ausbleiben. Hat der Lehrer es dahin gebracht, daß ſeine Schüler laut, langſam und deutlich leſen, ſo hat er ſchon viel erreicht, und die Hauptaufgabe iſt erfüllt.
Zu einem guten Leſen gehört aber noch mehr, als lautes und deutliches Ausſprechen des Geleſenen, es gehört dazu auch noch der Ausdruck der eigenen Empfindung. Wie das Leſen zuerſt etwas Mechaniſches iſt, und das Kind erſt ſpäter dazu kommt, das Geleſene mit dem Verſtande aufzufaſſen, ſo ſoll es ſchließlich dazu angeleitet werden, ſeinem Verſtändniß auch den nöthigen Ausdruck zu geben. Hierzu gehört außer der vollkommenen Leſefertigkeit und außer dem Verſtänd⸗ niß, die unter allen Umſtänden vorhanden ſein müſſen, nur Muth. Dieſer aber läßt ſich nicht leh— ren, ſondern er kann nur, wenn er keine Naturgabe, d. h. angeboren iſt, entwickelt, anerzogen und angewöhnt werden. In den meiſten Fällen hält den Knaben nur eine gewiſſe Scheu und Schüch— ternheit zurück, ſeiner inneren Empfindung den paſſenden Ausdruck zu geben, und um ihn dahin zu bringen, iſt vor Allem Geduld und aufmunternder Zuſpruch von Seiten des Lehrers nöthig. Außer— dem leſe man ſelbſt öfter vor und betone dabei etwas ſtärker, als man ſonſt wohl zu thun pflegt, und laſſe dann daſſelbe von den beſſeren Leſern der Klaſſe wiederholen, fordere hierauf auch die ſchwächeren zum Leſen auf, unterbreche ſie aber möglichſt ſelten; ſo wächſt ihnen allmählig der Muth, und das ausdrucksvolle Leſen findet ſich mit der Zeit. Das Beiſpiel des Lehrers und der beſſeren Schüler muß hierbei freilich das Meiſte thun. Das ausdrucksvolle Leſenlernen von Gedichten wird auch noch unterſtützt durch das Herſagen und Deklamiren poetiſcher Produktionen, deren Wahl, wenn auch nicht immer, ſo doch mitunter den Schülern überlaſſen werden kann. Wer will, mag ab und


