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laſſen, daß auf der unterſten Stufe vorzugsweiſe die Fabel ihren Platz fände; denn ſie ſcheint uns vermöge ihres inneren Weſens und wegen der Kindlichkeit und Natureinfalt, die ſich in ihr aus⸗ ſpricht, am meiſten dem kindlichen Sinn und Gemüth zu entſprechen und grade die Gattung zu ſein, die auf dieſer Stufe beſonders verdient, berückſichtigt zu werden. Aus der Proſa würden wir kleine, leicht verſtändliche Erzählungen, die in ihrem Zuſammenhange ohne große Schwierigkeit von den Kindern aufgefaßt werden können, vorſchlagen. Kinder- und Hausmärchen eignen ſich nicht für die Schule, ſondern ſind, wie ſchon ihr Name beſagt, der häuslichen Erziehung zuzuweiſen. Für die nächſte Stufe, alſo bei einer ſechsklaſſigen Schule für die Quinta, würden wir leichte poetiſche Erzählungen, beſchreibende Leſeſtücke, Biographien und einfache, das Gemüth anſprechende Schilde⸗ rungen wählen. Dieſer Stoff müßte ſich in Quarta erweitern; an die Stelle kleiner poetiſchen Erzählungen treten größere, auch können ſchon nicht zu ſchwere Balladen und Romanzen geleſen werden; die Schilderungen und Beſchreibungen werden ausführlicher und umfangreicher.— Für Tertia würden, da der Fortſchritt naturgemäß ſein muß, und vom Kleineren zum Größeren, vom Einfachen zum Zuſammengeſetzten, vom Sinnlichen zum Geiſtigen außzuſteigen iſt, ſolche Leſeſtücke vorzugsweiſe ausgewählt werden müſſen, in denen es auf ein Zuſammenfaſſen verſchiedener geiſtiger und ſinnlicher Clemente zur Einheit ankommt. Die Schärfung des eigenen Urtheils und Nachden— kens tritt hier ſchon mehr in den Vordergrund und verdient beſondere Berückſichtigung. Wir wei⸗ ſen demnach dieſer Stufe Charakteriſtiken, Briefe, größere Schilderungen und hiſtoriſche Stoffe aus der Proſa zu, während aus der Poeſie ſchwierigere Balladen, Romanzen, Sagen, ſo wie etwas Didaktiſches und Lyriſches geleſen werden können.— In den beiden oberen Klaſſen ſollte billig die poetiſche Lektüre neben der Stiliſtik, Rhetorik und der Literaturgeſchichte mit den Hauptgegenſtand des deutſchen Unterrichts bilden. Außer größeren epiſchen Gedichten, die in ihrem inneren Zuſam⸗ menhange und ihren Hauptgedanken nach den Schülern zum Verſtändniß und zur Anſchauung zu bringen ſind, werden die lyriſchen Gedichte unſerer vorzüglichſten Dichter, als Oden, Elegien, Hym⸗ nen ꝛc. beſonders geeignet ſein, die Anſichten und Ideen der Lernenden zu läutern und zu bereichern, und dieſelben zu einer lebendigen Einſicht in das Weſen und die Eigenthümlichkeit der verſchiedenen Dichter zu erheben. Sehr zweckmäßig erſcheint es, ab und zu mehrere Gedichte eines Klaſſikers unter allgemeinen Geſichtspunkten zu Gruppen zu vereinigen, um ihren inneren Zuſammenhang dar— zuſtellen, und ſo leichter zur Geſammtauffaſſung des Dichters zu gelangen. Das Drama und na⸗ mentlich die Tragödie würden wir wegen der Schwierigkeit in der Auffaſſung der fortſchreitenden Entwicklung der Handlung, der mehrfachen Berührung und der Gegenſätze der Perſonen und Cha⸗ raktere und des Grundgedankens und der Idee des Stückes nur der erſten Klaſſe vorbehalten; denn alles dieſes erfordert ſchon einen höheren Grad von geiſtiger Spannkraft und ein gereifteres Urtheil.
Nachdem wir, freilich nur in gedrängter Kürze, unſere Anſicht über die Wahl und die Ver⸗ theilung des Leſeſtoffes durch die verſchiedenen Klaſſen ausgeſprochen haben, bleibt uns noch übrig, Einiges über die Methode, die wir bei der Lektüre ſelbſt befolgt wünſchten, anzuführen. Zu den Anforderungen, welche an einen in die unterſte Klaſſe einer höheren Lehranſtalt aufzunehmenden Schüler geſtellt werden, gehören Geläufigkeit nicht nur im mechaniſchen, ſondern auch im logiſch⸗ richtigen Leſen. Es iſt aber oft ein wahrer Jammer, wenn man in den unterſten Klaſſen dem Leſen der Schüler zuhört; ja, ſelbſt in den mittleren und oberen Klaſſen läßt daſſelbe bei Einzelnen noch gar viel zu wünſchen übrig. Wenn auch die mechaniſche Fertigkeit im Allgemeinen vorhanden iſt, ſo fehlt doch manchmal noch gar viel an einem deutlichen und logiſch-richtigen Leſen, während von einem ausdrucksvollen Leſen ſo gut wie nichts zu bemerken iſt. Steht dieſe Erfahrung feſt, ſo wird es dringende Pflicht, mehr Zeit und Fleiß auf die Leſeübungen in den unterſten Klaſſen zu verwen⸗


