Aufsatz 
Über die Behandlung der Lektüre, in's Besondere der Maria Stuart von Schiller
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legt, bekennt ſie alle ihre bisherigen Vergehungen, als: unverſöhnlichen Haß und Rachegedanken ge⸗ gen Eliſabeth, ſündige Liebe zu Leiceſter, den Mord ihres Gatten Darnley, ihre Vermählung mit ihrem Verführer Bothwell; doch leugnet ſie mit aller Entſchiedenheit, daß ſie je durch Vorſatz oder That das Leben ihrer Feindin angetaſtet. Da ſie alle ihre Sünden bereut, ihren Haß und ihre Liebe Gott geopfert, ertheilt ihr Melvil Abſolution und auf Geheiß des Papſtes das Abendmahl unter beiderlei Geſtalt, mit den Worten:Du fehlteſt nur aus weiblichen Gebrechen, dem ſel'gen Geiſte folgen nicht die Schwächen der Sterblichkeit in die Verklärung nach.

Achter bis zehnter Auftritt. Nachdem Maria, mit ihrem Gott verſöhnt, allem Ir⸗ diſchen Lebewohl geſagt, für ihre Diener ungekränkte Entlaſſung nach Frankreich oder Schottland erbeten, auch der Cliſabeth durch Burleigh ihre geſtrige Heftigkeit reuevoll abgebeten, trifft ihr Blick zuletzt den Grafen Leiceſter, dem ſie in zarter Weiſe ihre vereitelten Hoffnungen und ihre jetzt frei⸗ lich überwundene Neigung zu ihm bekennt; und auf ſeine Zweideutigkeit anſpielend ſagt ſie:Ihr durftet werben um zwei Königinnen: ein zärtlich liebend Herz habt ihr verſchmäht, verrathen, um ein ſtolzes zu gewinnen und geht dann ruhig dem Tode entgegen. Leiceſter kann ihr, trotz ſei⸗ nes Vorſatzes, ihr Haupt fallen zu ſehen, nicht folgen; die heftigſte innere Aufregung, Scham und Gewiſſensangſt bemächtigt ſich ſeiner; er will entfliehen, kann aber nicht, und muß wider Willen anhören, was ihm anzuſchauen graut. 471

Eilfter bis funfzehnter Auftritt. Eliſabeth iſt in der größten Unruhe darüber, ob das Haupt der Stuart gefallen ſei oder nicht. Bei der Kunde von der geſchehenen Abreiſe der Lords, die das Urtheil vollſtrecken ſollen, ſteigert ſich ihre Aufregung, doch plötzlich faßt ſie ſich und ſpricht: Was zitt're ich? Was ergreift mich die Angſt? Das Grab deckt meine Furcht, und wer darf ſagen: ich hab's gethan! Es ſoll an Thränen mir nicht fehlen, die Gefallne zu beweinen. Durch Tal⸗ bot in Kenntniß geſetzt, daß Kurt, auf deſſen Zeugniß Maria verurtheilt war, in wilder Verzweif⸗ lung ſich ſelbſt eines falſchen Zeugniſſes angeklagt habe, ſpielt ſie auch jetzt noch die Heuchlerin und giebt ſich den Schein, als ſei die Hinrichtung nicht auf ihren ausdrücklichen Befehl geſchehen; ſie verbannt den Burleigh aus ihrem Angeſicht, läßt den Daviſon auf Leben und Tod anklagen, und ſo ſteht ſie denn, da Talbot ihr auch das Siegel zurückgiebt, und Leiceſter nach Frankreich gegangen iſt, zuletzt von Allen verlaſſen und allein da.

Vergegenwärtigen wir uns das Ganze nach den einzelnen Akten des Stückes noch einmal, ſo bildet den Mittelpunkt der Handlung im erſten Akt die gefangene Maria, im zweiten die in Machtfülle thronende Eliſabeth; die Begegnung der beiden feindlichen Königinnen im dritten Akt führt ihre für immer unverſöhnliche Trennung und den tödtlichen Haß der Eliſabeth im vier⸗ ten herbei, dem endlich im fünften der Tod der Maria Befriedigung gewähren muß.