Aufsatz 
Über die Behandlung der Lektüre, in's Besondere der Maria Stuart von Schiller
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Er ſoll ſie fallen ſehn und nach ihr fallen. Verſtoßen hab' ich ihn aus meinem Herzen; fort iſt die Liebe; Rache füllt es ganz. In der erſten Aufregung fragt ſie ſogleich, ob das Todesurtheil abgefaßt ſei; und ſo erſcheint die Hinrichtung lediglich nur als ein Akt der weiblichen Rache. Leiceſters Frechheit, Scheinheiligkeit und Schlechtigkeit zeigt ſich aber wieder recht klar, indem er ſich nicht allein als verkannt und ſchuldlos, ſondern auch als den Wohlthäter und Retter der Eliſabeth darzuſtellen weiß und ſelbſt den argwöhniſchen und vorſichtigen Burleigh irre führt. Um allen Ver⸗ dacht von ſich zu wälzen, dringt er jetzt ſelbſt auf ſchleunige Vollſtreckung des Urtheils und opfert ſeiner Rettung verrätheriſch Mariens Haupt.

Siebenter bis neunter Auftritt. Während ſich Alles gegen Maria vereinigt, und das ſtürmiſch aufgeregte Volk und der für das Reich beſorgte Burleigh auf den unvorzüglichen Tod der Stuart dringen, iſt es der edle Talbot allein, der widerſpricht und die Königin bittet, nicht der augenblicklichen innern und äußern Aufregung nachzugeben, ſondern ſtandhaft zu bleiben und Stun⸗ den ruhiger Ueberlegung abzuwarten, indem er ſie auf alle die Gefahren aufmerkfam macht, die für ſie und für das Land durch ein zu voreiliges Handeln heraufbeſchworen werden könnten.Dies Eine nur vernimm! Du zitterſt jetzt vor dieſer lebenden Maria. Nicht die Lebende haft du zu fürchten. Zittre vor der Todten, der Enthaupteten. Sie wird vom Grab' erſtehen, eine Zwietrachts⸗ göttin, ein Rachegeiſt in deinem Reich herumgehn und deines Volkes Herzen von dir wenden. Eliſabeth, immer den Schein zu retten bemüht, ſucht durch verſtellte Demuth für ſich einzunehmen und will, weil ſie ihre Unmacht zum Regieren fühle, lieber vom Throne ſteigen und in die ſtille Einſamkeit ihrer anſpruchsloſen Jugend zurückkehren und der Stuart die Krone überlaſſen.

Zehnter bis zwölfter Auftritt. In dem nun folgenden Selbſtgeſpräch klagt ſie über ihre Unſelbſtſtändigkeit als Königin; Sklavin ſei ſie des Volkes, durch deſſen Gunft ſie ſich allein auf dem angefochtenen Thron gegen innere und auswärtige Feinde behaupten kann. Weit entfernt, aus eigenem freien Willen Gerechtigkeit zu üben, werde ſie durch die allgewaltige Nothwendigkeit zu dieſer Tugend gezwungen. Maria Stuart ſei die Quelle jedes Unglücks, ſei ſte aus den Leben⸗ digen vertilgt, ſo ſei ſie frei; und ſich an die von ihr erlittene Erniedrigung in Fotheringhay er innernd, unterſchreibt ſie, ihrem Rachegefühl folgend, haſtig das Todesurtheil und übergiebt es dem Daviſon, obgleich dieſer ihr die Kunde bringt, daß Talbot das aufgeregte Volk ohne Mühe beru higt habe. Daviſon bleibt, trotz ſeiner flehenden Bitte um beſtimmte Weiſung, in Ungewißheit, was mit dem Blutbefehl geſchehen ſoll, und Burleigh entreißt ihn den Händen des Widerſtrebenden, um ihn ſofort vollſtrecken zu laſſen.

Fünfter Akt.

Erſter bis ſechſter Auftritt. Melvil, der alte Haushofmeiſter der Maria, kommt nach langer Trennung, um ſeiner Gebieterin ein Stab zu ſein auf ihrem Todeswege. Durch die Kennedy erfährt er die ruhige, edle und wahrhaft königliche Faſſung der Maria, die ſie ſelbſt in dem Augen⸗ blick bewahrte, als ſtatt der von Mortimer verheißenen Rettung die Zimmerer erſcheinen, um zu ihren Füßen das Todesgerüſt aufzuſchlagen. Während Marias verſammelte Dienerſchaft den unverſchul⸗ deten Tod der Gebieterin beklagt, ihre Geiſtesſtärke und Frömmigkeit bewundert, erſcheint Maria ſelbſt in edler Hoheit und ruhiger Ergebung in dem Kreiſe ihrer Untergebenen und nimmt mit der liebevollſten Herablaſſung und in der zarteſten, ergreifendſten Einfachheit von ihnen Abſchied, ihnen für ihre treuen Dienſte dankend.

Siebenter Auftritt. In der Beichte, die ſie als gläubige Katholikin dem Melvil, der zu dieſem Zweck die ſieben Weihen und eine vom Papſte ſelbſt geweihte Hoſtie empfangen hat, ab