Aufsatz 
Über die Behandlung der Lektüre, in's Besondere der Maria Stuart von Schiller
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Ueber die Behandlung der Lektüre, in's Beſondere der Maria Stuart von Schiller.

E⸗ iſt unleugbar mit eine Hauptaufgabe des deutſchen Unterrichts auf höheren Lehranſtalten, die Jugend zur Lektüre und zum Verſtändniß der vaterländiſchen Schriftſteller, namentlich der Dichter, anzuleiten, damit ſie dereinſt die Werke unſerer Klaſſiker nicht nur zur Befriedigung eines rein äuße⸗ ren Intereſſes für den Verlauf und die Entwicklung der unterhaltenden Geſchichte, ſondern vielmehr aus Liebe zu ihrer ſchönen, den Geſchmack bildenden künſtleriſchen Form, ſo wie zu den in ihnen enthaltenen erhabenen Gedanken und Ideen leſe. Es iſt oft zum Erſtaunen, eine wie große Un⸗ kenntniß man nicht ſelten mit den Produktionen ſelbſt unſerer gefeiertſten Dichter antrifft, und es iſt dringende Pflicht der Schule, ihre Schüler zu einer gewählten Lektüre anzuhalten. Der Gewinn für dieſelben iſt ein doppelter; einmal wird dadurch der oberflächlichen und ſeichten Vielleſerei, wo⸗ durch ſie ſich nur zerſtreuen und den Sinn für ernſtere Beſchäftigungen verlieren, Einhalt gethan, und dann, was beſonders in Anſchlag zu bringen iſt, erwachſen ihnen manche wohlthätigen Folgen für ihre ſittliche und geiſtige Bildung, für die Erwerbung eines reichen Schatzes von Gedanken und in formaler Hinſicht für ihren Stil, namentlich wenn die Lektüre mit den deutſchen Aufſätzen in nähere Beziehung und beide in Wechſelwirkung mit einander gebracht werden.

Der literariſche Stoff, der den Schülern der einzelnen Klaſſen zum Leſen, Aneignen und Verarbeiten geboten wird, muß, wie es ſich von ſelbſt verſteht, der Bildungsſtufe und der Faſſungs⸗ kraft derſelben angemeſſen ſein; denn es iſt klar, daß nicht jede Gattung ſich für jede Altersſtufe eignet. Jeder erfahrne und für die naturgemäße geiſtige Entwicklung ſeiner Schüler beſorgte Lehrer wird auf den Entwicklungsgang des Kindes zum Knaben und zum Jünglinge Rückſicht nehmen und demgemäß, vom Leichteren zum Schwereren fortſchreitend, ſeine Auswahl treffen. Unter allen bisher bekannten Literaturen hat ſich wohl die griechiſche am naturgemäßeſten entwickelt und den natür⸗ lichſten Verlauf genommen. Sie beginnt mit dem Epos, ſchreitet zur Lyrik fort und erhebt ſich zum Drama; und in der Proſa finden wir, dieſen entſprechend, Geſchichtsſchreibung, Philoſophie und Beredtſamkeit. Da wir dieſen Entwicklungsgang, wie er im Allgemeinen auch in unſerer vaterlän⸗ diſchen Literatur hervortritt, als den allgemein menſchlichen betrachten können, ſo dürfte er uns wohl am ſicherſten den Weg weiſen, den wir bei der Auswahl des Leſeſtoffes zu befolgen haben. Er würde ſich, nach unſerm Dafürhalten, auf einer höheren Lehranſtalt am zweckmäßigſten ſo vertheilen

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