Aufsatz 
Griechische Ethik auf römischem Boden
Entstehung
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auch noch eine andre bedenkliche Seite. Wenn die Ethik der Stoa²s) der Allgemein- heit dienen wollte, so waren ihre Lehren nicht danach angetan, sie dies Ziel erreichen zu lassen. Wenn nur der Weise, der philosophisch Geschulte zur sittlichen Freiheit gelangen kann, und wenn die Tugend allein wahres Glück verleiht, wenn aber der- jenige, der dieses Ziel nicht erreicht, sittlich unvollkommen und wertlos ist, dann musste diese Auffassung schliesslich bei den Anhängern der stoischen Lehre zu einem schroffen Tugendstolz führen und eine Aristokratie des Geistes grossziehen, durch die sie sich zu der grossen Menge, die diese Höhe nicht erreichte, in einen schroffen Gegensatz stellte. Darum konnte eine solche Religion und für einen Stoiker war seine Philosophie auch zugleich seine Religion niemals Gemeingut aller werden. Dann war das Gros der Menschheit, dem man helfen wollte, einfach ausgeschlossen aus der Reihe der Weisen und Glücklichen; dann redete man von der Menschheit und der Liebe zu ihr, aber was man schrieb, war Rhetorik, war Phrase.

Nicht als ob Mark Aurel ein Mann der Phrase gewesen wäre. Es ist bekannt, wie er mit der peinlichsten Gewissenhaftigkeit die in seinen Meditationen niederge- legten Lehren auch durch die Tat bezeugte und hinter jedem Wort auch der ganze Mann stand; wir wissen, dass er eine Pflichttreue, eine Milde und Frömmigkeit, eine Menschenliebe sein Leben lang bewährte, die uns in jenem Jahrhundert und auf dem römischen Kaiserthron doppelt bewundernswert erscheinen muss, und Zeller hat recht, wenn er meint, dass es der stoischen Philosophie stets zum unvergänglichen Ruhm gereichen wird, dass sie selbst in den Zeiten des tiefsten Sittenverfalls noch einen Mann wie Mark Aurel hat ausbilden können.

Aber das Lebensglück und der Seelenfrieden, zu dem Mark Aurel den Weg so schön zeichnet, konnten immer nur wenigen beschieden sein.

Auch noch aus einem anderen Grunde war die stoische Philosophie nicht im stande, der Menschheit den Trost und Halt zu geben, die der Philosoph selbst in ihr fand.

Auf denSelbstbetrachtungen liegt eine düstere Resignation, eine so ausge- sprochene Todesstimmung, dass sie eine Hoffnungsfreudigkeit nicht aufkommen lässt und dass dem kaiserlichen Philosophen, dessen Gedanken nur auf dieses Le- ben gerichtet sind, die Nichtigkeit dieses Lebens geradezu als der sicherste Schutz gegen alle Unruhen und Gefahren erscheint.

Es ist die Stimmung einer blasierten Zeitꝰ), die ihre Blüte längst hinter sich hatte, ein Ausdruck der Ueberkultur, des Gefühls des Ueberdrusses und der Gering- schätzung alles Irdischen; es liegt eine herbstliche, eine Abendstimmung auf dem Gan- zen, aber ohne das Abendroteiner aus dem jenseits scheinenden Sonne, es sind

2⁵) Sehr richtig bemerkt Bonhöffer, Epiktet u. das neue Testament S. 388: Es ist das tragische Geschick der Stoa, dass sie, die erstmals den Grundsatz der Gleichheit der Menschen und des gleichen Anspruchs aller auf den Besitz der Wahrheit und den Vollgenuss der Menschen wieder verkündet hat, durch ihre historische Gebundenheit an die Lehrformen des aristokratischen Partikularismus gehindert war, ihre universelle Mission zu erfüllen.

26) Vergl. Luthardt: Die Moral in Mark Aurels Meditationen in der Zeitschrift für kirchliche Wissenschaften, 2. Jahrg. 1881 S. 324.