Aufsatz 
Griechische Ethik auf römischem Boden
Entstehung
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Gedanken, die nur in einer trüben, matten Zeit entstehen konntenals der Trank des Erdenlebens den alten Völkern schal geworden war und sie nach Religion lechzten. dνέ̈νο ud ddnézon, ertrage die vielfachen Uebel der Welt und entsage der Lust, entsage allem, was dich von dieser höchsten Aufgabe abziehen kann. Ertra- gen und entsagen, das war ja der stoischen Weisheit letzter Schluss. Wo aber der Mensch nicht mehr in der Lage ist, vernunftgemäss zu leben, da wird ihm von dem Philosophen der Rat gegeben, durch Selbstmord aus diesem Leben zu scheiden(V, 20).

Wo der Mensch so gering von seiner Aufgabe denkt, sagt Eucken a. a. O. S. 98, da muss aller Lebensmut zusammen brechen, da gibt es keinen erfolgreichen Widerstand gegen eine innere Verödung des Lebens sowie gegen ein jähes Sinken der Kultur. Die Stoiker haben sich eifrig der sittlichen Erziehung der Mensch- heit angenommen, sie haben nicht nur Schriften hervorgebracht, die in alle Kreise drangen und zur Veredlung der Ueberzeugungen wirkten, sie haben auch gefeierte Vorbilder des Lebens geliefert. Aber diese vorwiegend auf subjektive Reflexion und individuellen Antrieb gegründete Arbeit konnte nicht mehr genügen, sobald der ganze Kulturzustand ins Wanken geriet und die Menschheit einen Kampf um ihr geistiges Dasein aufzunehmen hatte.

Und dieser Kampf um die Seele der Menschheit, namentlich der Armen und Elenden, der Mühseligen und Beladenen, die einen neuen Glauben verlangten, der anders als alle ältere Religion und Philosophie mit der Kraft begabt war,das schwer- beladene Herz zu zerknirschen und in Hingebung aufwärts dem göttlichen Erbarmen entgegenzutragen²*²), wurde entfesselt mit dem Eintritt des Christentums. Während die Philosophen noch die Erlösung als Frucht der Erkenntnis nur den Gebildeten und Vornehmen in Aussicht gestellt hatten, wies das Christentum einen anderen Weg, um dieses Ziel zu erreichen. Indem es die Erlösung als Wirkung der Gnade ²⁸) für alle Menschen lehrte, eröffnete es der Menschheit eine neue Welt und gab ihr durch deren Verknüpfung mit der diesseitigen eine unvergleichliche Grösse und Würde, der Lebensarbeit aber einen höheren Wert durch den Blick ins jenseits.

) Erwin Rohde am Schlusse seinerPsyche.

²⁸) Der Kirchenvater Augustin übertrug zuerst die Lehre von der Wirkung der göttlichen Gnade auch auf das sittliche Gebiet und wies darauf hin, dass nur durch die Gnade der Mensch zu einer wahren Sittlichkeit gelangen könne. Indem hierdurch auch die Ethik im Gegensatz zur antiken An- schauung einen spezifisch religiösen Zug erhielt, war die Auffassung der alten Philosophen, dass die ganze sittliche Entwicklung lediglich das Werk jedes einzelnen sei(vergl. S. 6 Anm. 5) und in der Haupt- sache in der Entfaltung persönlicher Kräfte bestehe, endgiltig überwunden. Vergl. Achelis, Ethik. S. 18.