Aufsatz 
Griechische Ethik auf römischem Boden
Entstehung
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folgungen schlug, mit der Zeit der neuen Religion Tausende von neuen Bekennern zuführte, und dass es trotz der Niederlagen, die es zunächst erleiden musste, schliess- lich zu einer siegreichen Weltmacht wurde, vor deren Glanz und Hoheit auch der sittliche Ernst der stoischen Weltmacht verstummen sollte. Die Zeit der philo- sophischen Systeme war ein für allemal vorüber, weil keines von ihnen es bis jetzt vermocht hatte, die metaphysische Sehnsucht der Menschheit zu stillen ²³), und die kaiserliche Philosophie war eine Andeutung dafür, dass im innersten Leben der alten Völker eine fundamentale Veränderung sich zu vollziehen im Begriffe war, deren tiefstes Verlangen nicht mehr auf Entfaltung und Vollendung des natürlichen Le- bens gerichtet war. Gewiss gebührt der stoischen Philosophie, so urteilt Windel- band, der Ruhm, dass in ihr das Höchste und Reifste, was das geistige Leben des Altertums erzeugt und womit es über sich selbst hinaus in die Zukunft gedeutet hat, zur besten Formulierung gelangt ist. Der Eigenwert der moralischen Persönlichkeit, die Ueberwindung der Welt in der Selbstüberwindung des Menschen, die Unterord- nung des einzelnen unter ein göttliches Weltgesetz, sind Merkmale einer Lebensan- schauung, die eine der gewaltigsten und folgenwichtigsten Bildungen in der Ge- schichte der menschlichen Lebensauffassung darstellen.

Aber trotz ihrer Vorzüge hat die stoische Ethik auch ihre Schwächen, die dem flüchtigen Auge vielleicht verborgen bleiben mögen, die aber trotzdem vorhan- den waren, und die die grosse Kluft offenbaren, die zwischen ihr und dem Christen- tum bestanden; nicht mit Unrecht hat man Mark Aurel den Totengräber des Alter- tums und seine Schrift das Testament des Heidentums genannt. ²⁴)

Schon die von den Stoikern wieder aufgenommene sokratische Lehre, dass Tugend Wissen, Sünde Unkenntnis sei, beruhte auf einem bedenklichen Irrtum und einer Verkennung der Bedeutung des sittlichen Willens; musste es nicht einer Ver- flachung sittlicher Anschauungen Vorschub leisten, wenn die Sünde nur auf Irrtum und mangelhaftes Wissen zurückgeführt und damit für unfreiwillig begangen erklärt wurde?

Und was sollte nach ihrer Lehre gegen die Sünde schützen? Philosophische Grundsätze, die das entsprechende Handeln mit Notwendigkeit zur Folge hätten. Auch hier wieder eine Selbsttäuschung, da das Wissen von dem, was sittlich gut ist, noch lange nicht das Tun zur Folge hat. Man denke an Seneka, der von allem, was er in seinen Schriften pries, das Gegenteil tat. Widersprachen sich also bei den Philosophen vielfach Lehre und Leben, so hatte diese übertriebene Wertschätzung

2²³) Man darf wohl sagen, dass dies auch in Zukunft niemals gelingen wird, weil jede Philo- sophie, auch die geistvollste, dem menschlichen Hirn entspringt, während die christliche Religion eine göttliche Offenbarung repräsentiert. Die Unzulänglichkeit der blossen Philosophie haben übrigens auch die grössten Geister aller Zeiten erkannt..

2²4) Ausserordentlich ansprechend urteilt P. Wendland in seinem Buch: Die hellenistisch- römische Kultur in ihren Beziehungen zu Judentum und Christentum S. 170: Eine alte, reiche Kultur- welt im Sterben und in der Agonie, im Sehnen nach einer Neuschöpfung und Wiedergeburt, in einer nicht zum Ziele kommenden Unruhe des Gottsuchens so stellt sich uns das niedergehende Heiden- tum dar. Dass das Christentum in diese gährende Welt neue und hohe ldeale gestellt hat, dass es aber auch aus ihr die hoffnungsvollen und lebensfähigen Keime, sittliche und religiöse Kräfte an sich gezogen hat, hat ihm den Sieg gegeben.