Aufsatz 
Griechische Ethik auf römischem Boden
Entstehung
Einzelbild herunterladen

18

Optimismus: Freue dich an der Harmonie des Weltplans, geniesse das Leben, indem du Gutes an das andere fügst, XII, 26. Wahre deinen inneren Rhythmus, wenn von aussen etwas dich erschüttert. Reue ist nichts; mach es besser! Heiter erwarte dein Todesgeschick; mit dem Wort heiter klingt der ganze Schluss aus: dmπι⁵ο oονν ‿eco= nun gehe heiter von hinnen!

Diese Proben, die sich leicht vermehren lassen, sollen die Schüler und Lehrer mit dem Inhalt der Selbstbetrachtungen bekannt machen, die wir als ein grossartiges Denkmal des eklektisch-religiösen Stoizismus bezeichnen müssen. Jedermann wird in den sittlichen Forderungen, die der Philosoph auf dem Kaiserthron an den Men- schen stellt, damit er durch ihre Kenntnis zur Tugend und Glückseligkeit, zur inneren Selbständigkeit und zur Unabhängigkeit von der Welt erzogen werde, Anklänge an die Lehre des Christentums erkannt haben.

Diese innige Frömmigkeit, diese resignierte Ergebung in den Willen der Gott- heit, die Mahnung zur Abkehr von der Eitelkeit der Welt, die Mahnung, Fass nicht mit Hass zu vergelten u. s. w., sind doch dieselben Züge, die wir bei den ältesten Christen schon als hervorragende Kennzeichen ihres neuen Glaubens finden können. Sollte man nicht meinen, wenn der Kaiser das Wesen und die Lehren der christlichen Religion, die damals in frischem Aufblühen war, genügend gekannt hätte, dass er sich von ganzem Herzen von dieser Religion hätte angezogen fühlen müssen? Fast könnte man versucht sein anzunehmen, dass ein Abhängigkeitverhältnis der stoischen Lehre vom Christentum bestanden habe, und dass die Philosophie des Kaisers nur unter christlichen Einflüssen sich zur Vollendung habe gestalten können, wie sie uns in den Meditationen entgegentritt. Namentlich die Philosophen der Aufklärung im 17. und 18. Jahrhundert bemühten sich, die Verwandtschaft der stoischen und christlichen Ethik zu zeigen. Vielfach ist auch heute noch die Auffassung zu finden, dass ohne die Ethik der Stoa das Christentum nie das geworden wäre, was es ist²²). Eins steht fest, dass Mark Aurel die Christen auf das blutigste verfolgte, ein Umstand, der auf das sonst so lichte und glänzende Bild des Kaisers einen tiefen Schatten wirft und um so unbegreiflicher erscheint, da er doch sonst so schöne Worte der Duldsamkeit und väterlichen Liebe gegenüber irrenden Brüdern in seinen Selbstgesprächen zu wiederholtenmalen ausspricht. Der Kaiser verstand ohne Zweifel die grossartige, geistige Bewegung nicht, die sich an den Namen Christus knüpfte, deren Anhänger mit einer Begeisterung für ihren Glauben starben, dass sie einem Stoiker wie Mark Aurel, der die ruhige Ergebung in den Tod als ein erstrebenswertes Ziel seiner von ihm gepriesenen Philosophie hinstellt, die höchste Bewunderung hätte abnötigen müssen. Aber mit philosophischer Geringschätzung erklärte er die Todesverachtung der Christen für Trotz und Hartnäckigkeit(II, 3). Diese Verkennung des geistigen In- halts und der Stärke des neuen Glaubens sollte sich bitter rächen. Mark Aurel frei- lich erlebte es nicht mehr, dass die Wunde, die er dem Christentum durch blutige Ver-

22²) Vergl. Edwin Hatch, Griechentum und Christentum, übersetzt von Erwin Preuschen, S. 124, der meint, dass das, was am Christentum wertvoll sei, stoische Weisheit, stoische Sittlichkeit, stoische Religiosität ist. Vorsichtiger urteilt Seeck in seiner Geschichte des Untergangs der antiken Welt 3, 202: Ob das Christentum, was es Stoisches enthält, wirklich von den Schülern Zenos hat, oder ob nur der gleiche Zeitgeist auch in ihm die stoischen Gedanken hervorrief, wird in jedem einzelnen Falle zweifelhaft bleiben müssen. 3