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Glücks strömt, dass die leidenschaftlose Vernunft die einzige Burg ist, in die sich der Mensch flüchten muss, wenn er unüberwindlich werden will.“ So ist also das Glück unabhängig von allen äusseren Dingen. Auch die Uebel, die mit der göttlichen Liebe und Weisheit nicht vereinbar sind und uns tagtäglich begleiten, sind nach Mark Aurel von Gott gewollt und in seinen Weltenplan miteinbegriffen. So wird der Weise, der alles, was geschieht, als etwas dem Willen der Gottheit Entsprechendes ansieht, keine Unzufriedenheit empfinden mit dem, was nicht von seinem Willen abhängt. Dieses richtige Verhalten des vernunftgemäss lebenden Menschen, meint ein neuerer Beurteiler?¹) der Meditationen, hat eine mehr passive Seite in der unbedingten Ergebung in den göttlichen Willen und eine mehr aktive in der liebevollen Förderung des Wohles unserer Mitmenschen, durch die wir zu selbständigen Mitarbeitern der gött- lichen Weltvernunft werden, von der unsre Seele nur ein Teil und Absenker ist. Grade dieses Wohlwollen gegen unsere Mitmenschen und die Mildtätigkeit bildet einen Grundzug in der Moral der Selbstbetrachtungen.„Lasset uns Gutes tun“, mahnt der Philosoph,„nicht um des Anstands und Ruhmes willen, sondern weil uns das Wohltun als solches Freude macht. Wenn du eine Wohltat erzeigt hast, und der andere sie empfangen hat, warum suchst du noch ein drittes, den Ruhm bei den Menschen und den Dank des Empfängers? lst es dir nicht genug, dass du nach Vorschrift deiner Vernunft gehandelt hast und verlangst du noch einen Lohn dafür? Das ist, als ob das Auge eine Belohnung dafür fordern wollte, dass es sieht und der Fuss dafür, dass er geht“, IV, 73. IX, 42. Mit der Forderung, dem Nächsten wohl- zutun ohne Rücksicht auf Dank, verbindet er eine andre, auch den Strauchelnden zu lieben und dem Undankbaren und feindselig Gesinnten zu verzeihen; statt den Trotz des Gegners mit Trotz zu erwidern, will er ihn durch Sanftmut überwinden, durch liebevolle Belehrung umstimmen. Er erinnert daran, dass auch die Fehlenden nur un- freiwillig und deshalb fehlen, weil sie ihr wahres Bestes nicht erkennen. Die beste Art sich an jemand zu rächen ist die, nicht Böses mit Bösem zu vergelten.
An einer andern Stelle heisst es: Erhalte dich einfach, gut, lauter, ernsthaft, prunklos, gerechtigkeitsliebend, gottesfürchtig, wohlwollend, liebreich, standhaft. Handle frei von Ueberstürzung, ohne irgend eine Leidenschaft, die der Vernunft ihre Herr- schaft entzieht, ohne Heuchelei, ohne Eigenliebe und mit Ergebung in den Willen des Schicksals. Du siehst, schliesst er diese Betrachtung, wie wenig zu beachten ist, um ein friedliches, von den Göttern beglücktes Leben zu führen. Der COott in dir sei dein Führer eines gesetzten Mannes, eines Soldaten auf seinem Posten, der das Sig- nal erwartet, eines Menschen, der bereit ist, ohne Bedauern das Leben zu verlassen. Der Glaube an die Götter ist nach Mark Aurel für die Menschen so unentbehrlich, dass es sich, ohne an ihre Existenz zu glauben, nicht verlohnen würde in dieser Welt zu leben. Aus den von allen Seiten mir gebotenen Proben ihrer Macht schliesse ich auf ihr Dasein und verehre sie, XII, 28.
Bisweilen kommen tief melancholische Töne.„Wann wirst du ganz glücklich sein, meine Seele? d. h. wann wirst du ganz bedürfnislos sein? Du hast es gut gemeint, und sie freuen sich doch, wenn du stirbst.“ Dann wieder frohlockt der fromme
2¹) v. Arnim in Pauly-Wissowa s. v. Annius. Sp. 2309.


