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Dieser Dienst aber besteht darin, ihn vor jeder Leidenschaft, Eitelkeit, Unzu- friedenheit mit dem Tun der Götter und Menschen zu bewahren, denn was von den Göttern kommt, verdient unsere Ehrerbietung wegen der Vortrefflichkeit, und was von den Menschen kommt, unsre Liebe wegen der Verwandtschaft, die zwischen uns ist, II, 13. Namentlich betont er diejenigen Sätze aus der stoischen Ethik immer wieder, die das beste Rüstzeug bieten, um an ihrer Hand sich selbst getreu zu leben und in ernster Pflichterfüllung und getrieben von Liebe zu dem Nächsten zur Glückseligkeit zu gelangen. Denn nur Tugend und Erkenntnis machen den Menschen unabhängig vor allem Aeusseren und in seiner Unabhängigkeit glückselig. Die wissenschaftlichen Untersuchungen der Philosophie haben für ihn nur insoweit Wert, als sie zur Bildung des Charakters und der Beruhigung des Gemüts beitragen. So soll sie Ersatz bieten für die Religion, und wie diese durch ihre Opfer und Weihen, so soll die Philosophie durch ihre Lehre und Betrachtungen den Gebeugten Trost und den Schwachen Stär- kung bringen; sie soll uns im Flusse der Erscheinungen einen festen Ffalt, gegen die Eitelkeit alles Endlichen einen Schutz gewähren.
In diesem Zusammenhang konnte Mark Aurel mit Recht den Philosophen einen Priester nennen. Ein solcher Mann, schreibt er III, 4, der nichts versäumt, sich in der Tugend emporzuheben, ist wie ein Priester und Diener der Götter, innig ver- traut mit der Gottheit, die in ihm ihren Tempel hat(vgl. 1. Kor. 6, 19), die ihn un- befleckt von Lüsten, unverletzbar von Schmerzen, ungebeugt von Kränkung erhält; sie macht ihn unempfindlich gegen jede Schlechtigkeit, macht ihn zum Helden im grössten aller Kämpfe, befähigt ihn, über alle Leidenschaften zu siegen, er ist tief durchdrungen von Gerechtigkeitsliebe und im Grunde seines Herzens alles willig hinnehmend, was ihm zustösst und zuteil wird. Was kann uns in diesem Leben, dieser Wanderschaft in der Fremde, fragt er, sicher leiten? Die Philosophie. Und ein Philosoph sein heisst, den Genius in uns d. h. das Göttliche in dem Menschen, vor jeder Schmach, vor jedem Schaden bewahren, die Lust und den Schmerz besiegen, nie zur Lüge und Verstellung greifen, fremden Tuns und Lassens unbedächtig sein, alle Begegnisse und Schicksale als von daher kommend betrachten, von wo wir selbst ausgegangen sind, um dann endlich den Tod mit Herzensfrieden zu erwarten.
„Wie bald und du bist Asche und ein Knochengerippe, und nur noch ein Name oder selbst nicht ein Name mehrist übrig, die geschätztesten Güter des Menschen sind eitel, modernd, unbedeutend. Was gibt es also, das dich hier unten zurückhält? Warum siehst du nicht also gelassen deinem Erlöschen entgegen? Bis aber dieser Zeitpunkt sich einstellt, was bleibt übrig? Was anders als die Götter zu ehren²¹) und zu preisen, den Menschen aber wohlzutun?— Besinne dich auf dich selbst! Pflege den Dämon in dir, löse dein wahres Selbst von allem dem ab, was ihm nur äusserlich anhängt; bedenke, dass nichts Aeusseres deine Seele berühren kann, dass es nur deine Vor- stellungen sind, die dich belästigen, dass nichts dir schadet, wenn du nicht meinst, es schadet dir; erwäge, dass nur in deinem Innern eine unversiegbare Quelle des
2⁰) Wenn Mark Aurel von den Göttern in der Mehrzahl redet, so waren für ihn, nach Birt, diese herkömmlichen Götter etwa dasselbe, was für viele Christen die Seelen der Heiligen im Himmel der katholischen Kirche sind. Aber was ihn beschäftigt, ist nur der eine Gott, das Weltall selbst ist er, zu dem er betet. Denn das All selbst ist Gott, und Gott ist das All.


