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Als Kinder eines Vaters, der Gottheit, deren Ausfluss der menschliche Geist ist, sollen wir brüderlich zusammenhalten, uns gegenseitig lieben und unterstützen. Aus dieser Quelle ergiesst sich dann ein Strom humaner Gesinnung, die fast christ- lichen Ursprungs zu sein scheint, auch in das ganze öffentliche und private Leben der Menschheit; ihr entspringt die Forderung, die Sklaverei zu mildern, Armen und Kran- ken wirksame materielle Unterstützung zu teil werden zu lassen, in sittlicher Beziehung den Bruder zu heben u. s. w. Und noch mehr Bedeutung als der Tat misst der Stoiker der Gesinnung zu.„Weder Gold noch Silber ist die Wohltat, sondern der Wille dessen, der sie ausübt“, sagt Seneka.
lch wende mich nun zu dem würdigsten Vertreter der stoischen Schule, es ist dies Mark Aure,, eine edle, reine Persönlichkeit, mit dem die Stoa den römischen Kaiserthron bestieg.
Wir haben von ihm als bleibendes Denkmal seines ernsten Strebens nach Selbstveredelung 12 Bücher„Selbstbetrachtungen“, els savwröv, in griechischer Sprache verfasst. Es ist eine Art philosophischen Tagebuchs, in das er zur Zeit der schweren Kriege mit den Markomannenis) und Quaden, die ihn lange an der Nordgrenze des Reichs festhielten, abends seine Empfindungen und Gedanken nieder- schrieb, nicht um jemand anders zu lehren, sondern um sich selbst„auf das zurück- zuziehen, was ihm das Liebste war, um aus der reinen Sphäre der ewigen Wahrheiten Kraft zu schöpfen, die dunstige Schwüle des Werkeltags zu ertragen.“ Ich habe die Schüler immer ganz besonders aufmerksam und empfänglich für das Dargebotene gefunden, wenn ich ihnen von den äusseren Umständen erzählte, unter denen das Werkchen entstanden ist. In stiller Nacht, wenn die Wachtfeuer loderten, der Schnee den Urwald bedeckte und der Anruf der Patrouillen durch die Einsamkeit scholl, da schaute der Kaiser einwärts in sich ¹⁹) und schuf ein Büchlein, das noch heute in seiner schlichten und doch wieder so eindringlichen Sprache so manchem schon Halt und Trost gegen die Unruhen und Leiden des Daseins gebracht hat.
Die Schrift Mark Aurels hat auch insofern eine literarische Bedeutung erlangt, als durch sie der Monolog in die Weltliteratur eingeführt worden ist. Es sind zwang- lose Aphorismen, rasch hingeworfene Gedanken und Sätze, wie sie dem kindlich- frommen Gemüt des Mannes über jeden Zweifel wahr und richtig erscheinen und beschränken sich nur auf wenig Grundwahrheiten, die in der verschiedensten Fassung immer wiederkehren ohne jede Ordnung und Systematik, es ist nicht eigene Philoso- phie, die er vorträgt, sondern seine Sätze wurzeln alle in der stoischen Ethik, wie er sie aus den besten Schriften der Stoiker kennen gelernt hatte; logischen und physi- kalischen Untersuchungen, die ebenfalls zur antiken Philosophie gehörten, bringt er wenig Verständnis entgegen; nicht darauf kommt es an, schreibt er, dass man alles über und unter der Erde ergrüble, sondern dass man mit dem GCöttlichen im Menschen, mit seinem Dämon verkehre und ihm in Lauterkeit diene.
¹1s) In dem Lande der Markomannen, im Böhmerland, hat Friedrich der Grosse später seine schlesischen Kriege geführt und ebenfalls wie Mark Aurel Zeit zu philosophischen Betrachtungen ge- funden. Er kannte des Stoikers Schrift ganz genau.
¹9) Aus Theodor Birt, Römische Charakterköpfe S. 331.


