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Diogenes, Herakleitos und ähnliche wirklich den Namen des Göttlichen, der ihnen ge- geben ward.
Der Raum verbietet mir, genauer auf Epiktets inhaltreiche Gedanken einzugehen, Seine Philosophie ist die„Aussage des gottesleeren und doch für Gott geschaffenen lch, sie ist die Sehnsuchtsklage der in der Wüste dieser Welt verlassenen, nach dem lebendigen Gott verlangenden Seele“. Auch für ihn ist die Ueberzeugung, dass der ganze Weltlauf von einer allweisen, göttlichen Vorsehung geleitet wird, dass alle Dinge, selbst scheinbare Uebel von Gott gewollt sind, eine Hauptstütze der stoischen Güterlehre. Im Laufe der Zeit hat nun die sittliche Weltanschauung der Stoiker immer mehr den Charakter abstrakter Vernünftigkeit angenommen, sie trägt in ihrer Mahnung zu entbehren und zu dulden(sustine et abstine, Seneca) und dem keinen Wert beizulegen, was nicht in des Menschen Hand steht, einen mehr entsagenden als tätigen Charakter: die Festigkeit der Seele, das Gewappnetsein gegen jeden Schick- salsschlag, die Ergebung in den Weltlauf galt ihm als das höchste Ziel menschlicher Vollkommenheit. Da der Stoizismus dem römischen Wesen in vielen Beziehungen, namentlich durch seine strenge Sittenlehre, nahe verwandt war, so können wir wohl verstehen, dass sich ihm besonders diejenigen Römer anschlossen, denen es um Wiederherstellung der alten guten Sitte und des alten republikanischen Staatswesens zu tun war, denen unter den Greueln der Bürgerkriege und unter dem Druck der jungen Monarchie noch ein Rest übriggeblieben war von altrömischer Denkweise und republikanischer Gesinnung. In diesen Zeiten, die eine gewisse Aehnlichkeit mit der heutigen Zeit hatten, wo man über die Quelle und Möglichkeit eines Glückes für dieses Leben nachdachte, wo es auch noch Menschen gab, die ein höheres Ziel im Auge hatten, als bloss der Frage zu leben, was werden wir essen, was werden wir trinken, in dieser Zeit wandten sich die besten Männer dem Stoizismus zu, da er die Freiheit verlien, mit Würde zu leben und mutig zu sterben. Denn der Selbstmord erschien den Stoikern gradezu als eine sittliche Tat(Paul Barth S. 154), wenn das Leben nur noch ein Hindernis der Freiheit, der Tugend war und kein Glück mehr für den einzelnen erhoffen liess. Typus ist der gemütstiefe, starre Republikaner M. Poreius Cato und M. Brutus. Und während die Epikureer in dem Leben im Verborgenen ihr höchstes Ziel des Glückes erblickten, hat sich der Stoizismus allmählich in umge- kehrter Weise nach der kosmopolitischen Seite hin entwickelt, in dem er lehrte, dass der Mensch um des grossen Ganzen willen da sei, dass alle Menschen Brüder seien, dass sie einem Gesetz, einem Staate als der umfassendsten Gemeinschaft angehören. Grade diese Idee der brüderlichen Zusammengehörigkeit der Menschen ward mit Kraft und Energie verfochten, und in der Forderung, dass auch in dem Geringsten das Menschenwesen geachtet und selbst in dem Feind der Mensch geliebt werde, zeigt sich so recht der Fortschritt in der sittlichen Auffassung von dem Wert der Mensch- heit bei den Stoikern in Vergleich zu Sokrates und seiner Schule und zu Aristoteles. Hatte ersterer doch noch erklärt, dass ihm derjenige höchst lobenswert erscheine, der den Feinden im Uebeltun, den Freunden im Wohltun zuvorkomme, während Aristo- teles den Wertunterschied von Hellenen und Barbaren des öfteren bètont hat. So pre- digte die römische Stoa mit Wärme auch das Thema von der allgemeinen Menschen- liebe und der Gleichheit der Menschen. Es ist nicht, sagt Epiktet, jemand Athener oder Korinther, sondern Sohn Gottes, jede Seele ist ein Fragment, ein Teil der göttlichen.


