Aufsatz 
Griechische Ethik auf römischem Boden
Entstehung
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der Freiheit von Leidenschaften ein Abweisen jeder weichlichen Erregung. Diese Apathie, diese Leidenschaftslosigkeit und Unempfindlichkeit gegen Schmerzen, Leiden und Entbehrungen ist diejenige Seite der stoischen Ethik, die der volkstümlichen An- wendung des Wortes Stoizismus den Stempel aufgeprägt hat.

Mit der epikureischen Schule stimmt die stoische darin überein, dass auch sie den einzigen Weg zur Glückseligkeit in der Gemütsruhe und in der Abwehr aller der Störungen erblickt, die die Seele aus ihrem Gleichmass zu bringen drohen. Die menschlichen Affekte, Lust, Begierde, Schmerz, Furcht sind als naturwidrige, ver- nunftwidrige Seelenstörungen zu bekämpfen. Dabei erscheint den Stoikern das Miss- geschick besonders wertvoll; sie betrachten es als eine Anleitung, als eine Uebung zur Tugend, die in der Ruhe des durch kein Unglück erschütterten Lebens leicht er- schlafft. Ein Unglück ist, sagt Seneka, niemals ein Unglück zu haben. Was weder gut noch böse ist, ist gleichgiltig. Hierhin gehören Reichtum, Gesundheit, Schönheit, Ehre, die weder zu den Gütern noch zu den Uebeln zu rechnen sind; sie sind an sich weder nützlich noch schädlich, sie gehören zu den gleichgiltigen Dingen (Adiaphora)..

Ebenso wenig sind aber auch die entgegengesetzten Zustände, Armut, Schmerz, Krankheit, Schmach, Tod ein Uebel; sie gehören ebenfalls zu den gleich- giltigen Dingen.

Um die Stoiker selbst sprechen zu lassen, führe ich hier einige Gedanken aus Epiktets Handbuch in der Uebersetzung von Hilty an(Glück, I, S. 30 ff.). Nicht die Dinge selbst, sondern die Meinungen über sie beunruhigen die Menschen. So ist der Tod an und für sich nichts Schreckliches, sonst wäre er auch dem Sokrates so vorge- kommen; vielmehr ist die vorgefasste Meinung von ihm, dass er etwas Schreckliches sei, das Schreckhafte. Wir wollen deshalb, wenn wir von etwas gehindert, beun- ruhigt oder betrübt werden, niemals andere anklagen, sondern uns selbst, nämlich unsre Meinung davon. Seines Unglücks wegen andere anklagen, ist die Art der Un- gebildeten, sich selbst, die der Anfänger, weder andere noch sich, die der Gebildeten oder vollständig Erzogenen. Begehre nicht, dass die Dinge in der Welt so gehen, wie du es willst, sondern wünsche vielmehr, dass alles, was geschieht, so geschehe, wie es geschieht, dann wirst du glücklich sein.

Bedenke das: Du musst dich im Leben wie bei einem Gastmahle verhalten. Wird etwas herumgeboten und kommt es zu dir, strecke die Hand aus und nimm dir einen bescheidenen Teil davon.

Es kommt etwas, das du gern hättest, einstweilen noch nicht zu dir, richte dein Begehren nicht weiter darauf, sondern warte, bis es an dich gelangt. Verhalte dich so in Hinsicht auf Kinder, Weib, Ehrenstellen, Reichtum: dann wirst du einst ein würdiger Gast der Götter sein. Wenn du aber auch von dem dir Angebotenen nichts nimmst, sondern gleichgiltig darüber wegsiehst, dann wirst du nicht bloss Gast, sondern Mitregent der Götter sein. Durch diese Art zu handeln verdienten

¹7) Schon Aristoteles hatte den Wert der äusseren Güter ähnlich charakterisiert, wenn er sagte, sie seien für das Leben das, was die Ausstattung des tragischen Chors(Choregie) für die Tragödie sei; sie gehörten allerdings zur vollkommenen Eudämonie(Glück) des Menschen, wie die Choregie zur vollen Wirkung der Tragödie, ohne dass sie einen eigentlichen Bestandteil der Eudämonie ausmachten.