Aufsatz 
Griechische Ethik auf römischem Boden
Entstehung
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da es eine solche in der Ausprägung und Abgrenzung, wie sie von den Stoikern er- folgte, als wissenschaftliche Lehre bis dahin nicht gab.

Die Philosophie der Stoiker ging im wesentlichen darauf hinaus, den Menschen durch Tugend und Erkenntnis unabhängig von allem Aeusseren und in seiner Unab- hängigkeit glückselig zu machen. ¹⁵) Ihre Ethik, die in mancher insicht als eine Vorbereitung für das Christentum betrachtet werden kann, ist gegründet auf den mächtigsten und ursprünglichsten Trieb des Menschen, der nicht wie die Epikureer meinten, die Lust ist, sondern der Selbsterhaltungstrieb. Dasjenige, was allein innere Befriedigung und Glück verheisst und als letztes und höchstes Ziel von den Menschen zu erstreben ist, muss sein, sich selbst getreu oder mit der Natur einstimmig, der Natur gemäss zu leben. Der Natur gemäss leben heisst der sich selbst bestimmen- den Natur gemäss leben, d. h. die eigene Vernunft der Weltvernunft unterwerfen. Als höchste Aufgabe des Individuums gilt es somit, sich dem grossen Ganzen einzu- ordnen. Im Widerspruch mit den Forderungen der Natur stehen die Forderungen unserer Sinne, unsere natürlichen Triebe, die zu beherrschen nicht nur ein Kenn- zeichen, sondern auch die gottgewollte Pflicht des Weisen ist. So ist die alte cynische Formel, man muss der Natur gemäss leben, zu dem sittlichen Grundsatz des Gehor- sams gegen das Weltgesetz, des grossen Naturgesetzes des Alls oder, was dasselbe ist, des höchsten Führers und Herrschers Zeus(das Weltall ist die Gottheit) ver- dichtet, und da dieser Gehorsam als die Frucht der Erkenntnis betrachtet wurde, so sahen die Stoiker die Ausbildung der Vernunft als die Hauptaufgabe des Menschen an. Nur die Tugend, ldie in scharfen Gegensatz zur Lust gestellt ist, ist ein Gut und zwar das höchste und einzige Gut, sie besteht ihrem Wesen nach in der sitt- lichen Gesinnung, in der richtigen Beschaffenheit des Wollens und Handelns und ist allein hinreichend zur Glückseligkeit; darin besteht ihre Autarkie, ihre Selbstgenüg- samkeit;¹⁶) sie wird als Uebereinstimmung mit den Gesetzen des Weltganzen er- klärt und ist um ihrer selbst willen zu erstreben, nicht etwa aus Furcht oder Hoffnung auf äussere Folgen. Im freiem Gehorsam besteht die einzigartige Grösse des Men- schen und Gott gehorchen ist Freiheit. Deo servire libertas, Seneca.

Die Tugend ist, wie schon Sokrates meinte, eine Wissenschaft, sie ist also lehrbar; die Schlechtigkeit erscheint als Unwissenheit, als eine Verwirrung des Urteils, während der richtigen Einsicht nach ihrer Auffassung überall das richtige Tun zur Seite stehen wird.

Wenn nun ein Mensch, der nach der Vernunft lebt, weise genannt wird, so kann man sagen: der Weise und zwar der Weise allein ist tugendhaft und glück- selig, reich und frei. Die Vernunft erscheint also den Stoikern als die Wurzel und Krone aller menschlichen Vollkommenheit. Wenn die Stoiker die Autarkie der Tu- gend(ihre Selbstgenügsamkeit) als das positive Ideal des Weisen ansahen, so fanden sie einen negativen Ausdruck dafür in der Apathie, der Freiheit von Leidenschaften, von Affekten; sie ist nicht etwa stumpfe Gefühllosigkeit, sondern bedeutet neben

¹⁵) Vergl. Paul Barth, Die Stoa. Stuttgart 1908.

¹6) In dieser Selbstgenügsamkeit(Autarkie), in dem Bestreben, den Menschen von allem Aeusseren unabhängig zu machen und ganz auf sich zu stellen, liegt die Verwandtschaft der stoischen Ethik mit der cynischen. Vergl. Messer, Gesch. der Philosophie im Altertum und Mittelalter S. 82.