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II. Die Stoiker.
„Philosophieren heisst lernen, was zu begehren oder zu meiden ist.“ Epiktet.
Wenn auch Athen noch jahrhunderte lang nach seinem politischen Nieder- gang den Ruhm bewahrte, der Hauptsitz der hellenischen Philosophie zu sein, so waren doch die hervorragendsten Männer, die in der alten Philosophiestadt ihre Lehr- tätigkeit ausübten, keine Griechen von Geburt mehr, sondern sie stammten aus Klein- asien, Syrien und den Inseln des östlichen Archipels. Dies gilt namentlich für die Begründer der stoischen Schule. ¹²) Ihr Stifter war Zeno aus Cittium auf Cypern (342— 270 v. Chr.); einst ein reicher Kaufmann, hatte er durch einen Schiffbruch an der Küste Attikas sein ganzes Vermögen verloren. Daraufhin wandte er sich in Athen der Philosophie zu, in der er, der arme Schiffbrüchige, nun seinen Reichtum wieder fand. Aus dem Schüler des Cynikers Krates, der, wie Diogenes von Sinope, in der Be- dürfnislosigkeit sein Lebensideal erblickte, ward er das Haupt einer Schule, die in der mit Polygnots Gemälden geschmückten„bunten Halle“, orod παι, sich versammelte; daher erhielten seine Schüler den Namen Stoiker, d. h. Hallenphilosophen. Chrysippus aus Soli in Cilicien baute das stoische Lehrgebäude wissenschaftlich aus, Panätius und Posidonius, die Vertreter des mittleren Stoa, machten ihre Lehre in Rom be- kannt. Wichtiger noch für die Nachwelt als wissenschaftlicher Vertreter der Stoa ist Seneka(† 65 n. Chr.), nach Cicero wohl der bedeutendste und geistreichste Schriftsteller der Römer. Hierher gehören noch als hervorragendster Verkünder stoischer Grundsätze Epiktet, ¹³) um die Mitte des 1. Jahrh. nach Chr. geboren; dann besonders Mark Aurel, mit dem die Stoa den Kaiserthron bestieg. ¹½) Wenn auch bei den Stoikern, die die Lehre der alten Cyniker(Antisthenes und Diogenes von Sinope) weiterbildeten, die Einteilung der Philosophie in Physik, Logik und Ethik be- stehen blieb, so ist doch der Kern der stoischen Lehre ihre Ethik, und die weltge- schichtliche Bedeutung der Stoa liegt in der wissenschaftlichen Begründung der Moral,
¹²) Hauptquelle für die Geschichte und die Lehre der Stoa sind das 7. Buch des Diogenes Laertius, Cicero, Seneka.
¹13) Epiktet kam als Sklave nach Rom, wo er bald wegen seiner vortrefflichen Eigenschaften freigelassen wurde und Philosophie studierte und bald selbst lehrte. Mit ihm hat die stoische Philo- sophie ihren Höhepunkt erreicht. Seine lebensvollen Vorträge wurden von dem nachmaligen Feldherrn Arrian aufgezeichnet und sind uns zur Hälfte erhalten. Ein kurzer Auszug aus diesen Otαονα(Unter- haltungen) ist sein Encheiridion, Handbüchlein der Moral, rec. H. Schenkl Leipzig 1804, übersetzt von Dr. Schmidt, Leipzig, Kröner. Vergl. A. Braun, Epiktet und das Christentum. Zeitschrift für kirchliche Wissenschaft. 1884. Heft 9. Adolf Bonhöffer, Epiktet und das Neue Testament. Giessen, Töpelmann. Vergl. auch T. Zahn, der Stoiker Epiktet und sein Verhältnis zum Christentum, Rektorats- rede. Erlangen 1804. Er meint, Epiktet habe neutestamentliche Schriften gelesen und religiöse Ideen und Lebensregeln des N. T. sich angeeignet. Hilty, Glück I, S. 28 ff.
¹¹) Von ihm besitzen wir die Selbstbetrachtungen edls Sauröy, ein Sentenzenbüchlein für den eignen Gebrauch bestimmt, das man nach seinem Tode in den Falten seines Kleides fand. Ausg. von Stich, 2. Aufl. Leipzig. Uebersetzt von Dr. Wittstock, in wortgetreuer Uebersetzung(Reclam), der ich vielfach folge. Vgl. auch Zeller, Vorträge und Abhandlungen 1875 S. 108 ff. Dr. Hans Stich, Mark Aurel, der Philosoph auf dem römischen Kaiserthron. Gütersloh, Bertelsmann, für den Gebrauch des Lehrers und für Schülerbibliotheken sehr zu empfehlen.


