Aufsatz 
Griechische Ethik auf römischem Boden
Entstehung
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des Egoismus?), eine auf materialistischer Naturerklärung begründete Philosophie des Hedonismus; alles in ihm wurde auf den eigenen Vorteil, die eigene Lust, die das natürliche und selbstverständliche Ziel alles menschlichen Wollens sei, bezogen; von dem, was dem einzelnen nicht Vergnügen macht, was sein Lustgefühl in der Gegen- wart und Zukunft nicht befriedigt, davon wendet er sich ab. Deshalb ist auch schon Cicero mit Nachdruck der seiner Ansicht nach bedenklichen epikureischen Lehre ent- gegengetreten. Musste ihm schon der oberste Grundsatz Epikurs, dass die Lust das höchste Gut sei, mit der Würde des Menschen unvereinbar erscheinen, so wies er mit Recht darauf hin, dass der Mensch nicht für sich allein geboren sei, sondern auch für seine Familie, für seine Freunde¹⁰).

Auch unser Urteil über den Wert der epikureischen Ethik kann im ganzen nur absprechend sein, wenn wir auch nicht leugnen wollen, dass manche Gedanken in ihr uns durchaus sympathische Züge tragen. Der Epikureismus will als eine Zeiter- scheinung verstanden sein; erwägt man dies und sucht man ihn in seiner geschicht- lichen Entwicklung zu begreifen, so wird man sicherlich manches aus seiner Ethik milder beurteilen. ¹¹)

Zu seinen Anhängern zählte bekanntlich auch Horaz, der Dichter eines kulti- vierten, aber verdorbenen Weltalters, dessen Lebensweisheit sich mit der epikureischen berührte in dem Streben nach einem heiteren, mehr geistigen als physischen Ge- nuss des Daseins, der die Freude des Lebens, die Freundschaft, die Ruhe und Heiter- keit des Gemüts liebte, aber alles Gemeine sich fern hielt. Der interessanteste aller Epikureer war ohne Zweifel der bereits genannte Lucretius Carus, der die Aus- breitung des Epikureismus sich zur Lebensaufgabe gemacht hatte und in dem Studium seiner Philosophie die Ruhe wiederzufinden hoffte, die ihm in den Greueln. des Bürgerkriegs verloren gegangen war. So flüchtete er aus dem Gewirr und Dunkel des politischen Lebens in die Philosophie und damit in sich selbst und suchte und fand dort sein Glück.

Ich schliesse mit einem Wort Zellers: Durch ihren Eudämonismus hat die epikureische Schule unstreitig vielfach geschadet und die Verweichlichung der klassi- schen Völker teils beurkundet teils befördert; aber indem sie den Menschen von der Aussenwelt in sich selbst zurückführte und ihn in der schönen Menschlichkeit eines gebildeten, in sich befriedigten Gemüts das höchste Glück suchen lehrte, hat sie in ihrer weicheren Weise so gut wie der Stoizismus in seiner strengeren zur Entwick- lung und zur Verbreitung einer freien und universellen Sittlichkeit beigetragen.

9)Aesthetischer Selbstgenuss ist die Lebensweisheit der Epikureer; der Egoismus ist feiner, raffinierter geworden, aber er ist darum doch Egoismus geblieben. Windelband.

¹⁰) Man vergl. auch das schöne Wort Friedrichs des Grossen: Es ist die Pflicht jedes guten Bürgers, seinem Vaterland zu dienen, zu bedenken, dass er nicht bloss für sich auf der Welt da ist, sondern dass er für das Wohl der Gesellschaft, in welche die Natur ihn gestellt hat, arbeiten muss.

1¹1) Namentlich Peter Gassendi, mit dem Epikurs Philosophie eine Wiedererstehung er- lebte, hat in seinem Werke: De vita moribus et doctrina Epicuri Leyden 1647 der Philosophie eine ge- rechtere Beurteilung zu teil werden lassen. Seine Resultate sind zusammengestellt in dem lesenswerten Programm von Dr. Schwen, Tarnowitz 1881: Ueber griechischen und römischen Epikureismus. S. 4 ff.