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Diese Zeichnung des Weisen, meint Windelband, charakterisiert ihre Zeit; der normale Mensch ist für sie nicht der, der um grosser Zwecke willen arbeitet und schafft, sondern der, der sich von der Aussenwelt frei zu machen und sein Glück in sich selbst allein zu finden weiss. Die Ueberwindung der Aussenwelt be- dingt die Glückseligkeit des Weisen.
Den geringsten Wert hat für Epikur der Staat und die bürgerliche Gesell- schaft. Der wesentliche Zweck dieser Verbindung ist, wie er glaubt, die Sicherung gegen Verletzungen durch andere Menschen. Der Gehorsam gegen die Gesetze gründet sich bei den Einsichtigeren auf die Ueberzeugung, dass sie vorteilhaft sind, bei der Masse der Menschen auf die Furcht vor der Strafe. Mit politischer Tätigkeit wird sich der Weise nur insofern befassen, als dies zu seiner Sicherheit nötig ist. Und da nun in der Regel der Privatmann viel ruhiger und sicherer lebt als der Staats- mann, so können wir begreifen, dass Epikur von der Beschäftigung mit Politik ab- mahnte, die der eigentlichen Bestimmung des Menschen, der Glückseligkeit im Wege stehe.
Bene vixit qui bene latuit, lebe im Verborgenen, dann lebst du glücklich, ist eine lateinische Uebersetzung eines epikureischen Wahlspruchs; denn nur in der Un- gestörtheit des persönlichen Lebens von allen äusseren Einflüssen ist die höchste Behaglichkeit und damit das höchste Glück des Menschen begründet. Während Epikur aus Rücksicht auf möglichste Ruhe und Behaglichkeit auch gegen Ehe- schliessung war, erschien ihm als die höchste Form des menschlichen Gemein- schaftslebens die Freundschaft. Sie war ihm das grösste aller Lebensgüter.„Es ist viel wichtiger, mit wem wir essen und trinken als was wir essen und trinken.“ — Die epikureische Ethik ist, soweit sie uns überliefert ist, zu keinem System ausge- baut, sondern besteht aus lose zusammengefügten Sätzen, die wir im Vorausgehenden mitgeteilt haben.
Hatte noch Aristipp von Kyrene, der Vertreter des Hedonismus, der Philo- sophie des rücksichtslosen Genusses, die Lust des Augenblicks und die Freude des Leibes als das höchste Gut bezeichnet und die Glückseligkeit in dem Zustand der Lust erkannt, der aus gestilltem Willen entspringt, so muss uns die Glückseligkeits- lehre Epikurs, insofern das höchste Glück in der Ruhe und Feiterkeit des Gemüts gesucht wurde, ausserordentlich viel verfeinerter und edler erscheinen, da er die gei- stigen Freuden in der ästhetischen Feinheit des Lebens, in geistreichem und zart- sinnigem Umgang mit Freunden, in behaglicher Einrichtung des täglichen Daseins erblickte. So können wir verstehen, dass die epikureische Lehre, die zeitgemäss und leicht verständlich war und der grossen Menge sympathisch gewesen sein mag, sich eines grossen Ansehens noch bis in die späte Kaiserzeit erfreute.
Trotzdem hat sie seit der Zeit ihrer Begründung von der Mehrzahl ihrer Be- urteiler sich eine recht absprechende Kritik gefallen lassen müssen. Sicherlich hat auch heute noch die epikureische Philosophie viele Anhänger, und es gibt Hunderttausende, die nur nach dem streben, was ihnen Vergnügen macht und Genuss bereitet. Wohl können diese modernen Epikureer nach dem Beispiel Epikurs, den wir uns als einen feinen, vornehmen Charakter und das Ideal attischer Urbanität denken dürfen, ehrenwerte, treffliche Männer sein. Aber die Lehre Epikurs ist und war in letzter Linie ein System


