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leicht genügt werden kann.„Die Natur sorgt genügend für unser Glück“, sagt Epikur, „wenn wir nur ihre-Gaben dankbar zu würdigen wissen und dessen, was wir haben, nicht über dem vergessen, was wir wünschen; wer naturgemäss lebt, ist nie arm.“ Von den Scheinbedürfnissen, die die Seele des Menschen nicht zur Ruhe kommen lassen, befreit das Studium der Philosophie.„Weder ein jüngling zögere“, so beginnt ein Brief des Epikur,„noch ein Greis werde müde zu philosophieren; denn an der Seele zu gesunden, dazu ist es für niemand weder zu früh noch zu spät. Wer da sagen wollte, für ihn sei es noch nicht oder nicht mehr Zeit zu philosophieren, der gleicht dem, der sagen wollte, dass es für ihn noch nicht oder nicht mehr Zeit sei zur Glückseligkeit.“ Nicht Gelage oder Wollust, heisst es an einer anderen Stelle, machen das Leben glücklich, sondern ein nüchterner Verstand, der die Gründe des Wählens und Verwerfens aufspürt und die Wahnvorstellungen vertreibt, welche die Seele beunruhigen. So ist also das vernünftige Denken, die Einsicht für ein glück- liches Leben von grosser Wichtigkeit, da mit der Einsicht— hier folgt Epikur der sokratischen Lehre— auch das entsprechende Handeln gegeben sei. Denn aus ihr entspringen alle übrigen Tugenden oder Tüchtigkeiten mitsamt der Einsicht, dass es weder möglich ist, angenehm zu leben, ohne gleichzeitig vernünftig, schön und gerecht zu leben, noch vernünftig, schön und gerecht, ohne angenehm zu leben; denn die Tugenden sind mit dem angenehmen Leben verwachsen, und das angenehme Leben ist von ihnen untrennbar. So erscheint nach einer allgemeinen griechischen Auf- fassung auch hier Tugend und Glückseligkeit verbunden.
In mancher Hinsicht anziehend ist in der Ethik des Epikur das Ideal des Weisen gezeichnet. Ist er auch nicht frei von Affekten und verschmäht er auch den Genuss nicht, so ist er doch durchaus Herr über seine Begierden und weiss diese durch den Gedanken so zu mässigen, dass sie nie einen schädlichen Einfluss auf sein Leben gewinnen können. Die Fauptquelle seines Glücks ist die rechte Meinung von den Dingen; er ist frei von Götterscheu und Todesfurcht und zieht den äusseren Gütern die inneren als die dauerhafteren und reineren vor; glücklicher als eine skla- vische Abhängigkeit von den Genüssen macht ihre geistige Beherrschung, ein Geniessenkönnen ohne ein Geniessenmüssens).
Der Weise ist genügsam, denn er sieht ein, dass zur Befriedigung der natür- lichen Begierde und zur Befreiung von Schmerzen nur weniges nötig ist, dass nur der eingebildete Reichtum keine Grenzen kennt, dass nicht Vermehrung des Besitzes, sondern Beschränkung der Begierden wahrhaft reich macht, und dass der, der mit wenigem sich nicht begnügt, sich mit nichts begnügen wird. So wandelt er wie ein Gott unter den Menschen und beneidet selbst bei Wasser und Brot Zeus nicht; er weiss Beleidigungen mit Ruhe zu ertragen, und wenn ihm auch das Gefühl des Un- willens über das Unrecht nicht fremd ist, so lässt er es doch nicht zu der leiden- schaftlichen Erregung des Zornes anwachsen; er macht sich keine Sorgen um das, was nach seinem Tode mit ihm vorgeht;„So lange wir sind“, sagt Epikur,„ist der Tod nicht, und wenn der Tod ist, sind wir nicht“; er fürchtet also den Tod nicht, ja er sucht ihn, wenn ihm kein anderer Weg offen steht, um unerträglichen Leiden zu entgehen; aber dieser Fall wird nicht leicht eintreten, weil er auch unter kõrperlichen Schmerzen glücklich zu sein gelernt hat.
8) Eucken, Lebensanschauungen grosser Denker S. 88.


