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Lehrgedicht de rerum natura, in denen er die Grundlehren der Physik, Psychologie und Ethik Epikurs darstellt, zu dem Besten gehört, was die Römer in Dichtung und Philosophie geschaffen haben. Eine Hauptquelle ist ferner für uns Cicero in seinen philosophischen Schriften. Wenn auch die Schule als solche mit Lukrez im 1. vor- christlichen Jahrhundert endigte, so hat ihre Lehre noch lange viel Anhänger gezählt, namentlich in der römischen Kaiserzeit war sie ausserordentlich populär.
Das einzige unbedingte Gut, auf das das natürliche Streben der Menschen gerichtet ist, ist nach Epikur die Lust, das einzige unbedingte Uebel ist der Schmerz. Dass wir diesen meiden und die Lust uns aneignen sollen, ist etwas Selbstverständ- liches. Lust und Schmerz bilden die obersten Kriterien, nach denen wir das Er- strebenswerte vom Nichterstrebenswerten unterscheiden sollen, und in dem möglichst reichen Ertrag des Lebens an Lustgefühlen ist das höchste Glück des Menschen zu erblicken. Wie aber nach der Lehre Epikurs nicht jeder Schmerz zu fliehen ist, da es viele Schmerzen gäbe, die eine höhere Lust im Gefolge hätten, so sei nicht die Lust um jeden Preis zu suchen, sondern nur eine solche, die keine schmerzlichen Em- pfindungen nachträglich auslöse und nur das Gefühl der Ruhe und Befriedigung hinterlasse. Deshalb sind es auch nicht die sinnlichen Genüsse der Lüstlinge, die nach Epikur das Glück des Menschen ausmachen. Nocet empta dolore voluptas, sagt Horaz, der sich ein Schweinchen aus der Herde des Epikur nannte, eine mit Schmerz- gefühl erkaufte Lust ist zu fliehen, und nur diejenige Lust ist zu suchen, die dauernd Seelenfrieden verleiht. So besteht die Summe der epikureischen Lebensweisheit darin, die Ursachen der Beunruhigung der Seele zu meiden und sich die Ataraxie, die un- erschütterliche Ruhe des Gemüts, das nicht Anstaunen(nil admirari, Horaz) zu erwerben. Denn mit dem Anstaunen einer Sache verbindet sich zu leicht die Begierde nach ihrem Besitz, die der Seele ihre ruhige Gleichmässigkeit raubt. Was zu jenem letzten und höchsten Ziel des Lebens, zur Glückseligkeit führt, d. h. zu jenem Zustand, bei dem der Körper ohne Schmerz und die Seele ohne Unruhe ist, ist die Tugend. An der Spitze aller Tugenden steht die vernünftige Einsicht, die erkennt, was Lust und Unlust bereitet. Die Entscheidung aber über das, was zu erstreben oder zu meiden ist, beruht nach Epikur darauf, dass wir für die vorauszusehenden Folgen einer Handlung eine Lust- und Unlustbilanz“) aufstellen und nur diejenige Handlung als eine vernünftige ansehen, aus der mehr Lust als Unlust entspringt. Während der blinde Naturtrieb nur auf die augenblickliche Lust und den augenblicklichen Schmerz bedacht ist, lehrt uns die Vernunft oft einen unerheblichen Schmerz auf uns nehmen, um dadurch einer grösseren Lust teilhaftig zu werden oder auf eine geringere Lust zu verzichten, weil eine grössere Unlust als deren Folge zu erwarten ist.
Vor allem rät Epikur, sich an eine möglichst einfache Lebensweise zu ge- wöhnen, die Bedürfnisse auf das niedrigste Mass zurückzuführen, wodurch man für den seltenen Genuss empfänglich und furchtlos gegen das Schicksal werde. Be- sonders ist es nötig, auf die Scheinbedürfnisse zu verzichten; er versteht darunter diejenigen, die aus Ueppigkeit und Eitelkeit des Menschen entspringen, und die nie zu befriedigen sind, während den natürlichen Bedürfnissen, entsprechend der Anspruchslosigkeit der Natur,
) von Arnim in Pauly-Wissowa s. v. Epikur. Bd. 5, 1900, S. 133 ff.


