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Der ganzen Moralphilosophie des Altertums liegt immer die eine Frage zu Grunde: Was ist das höchste Gut und Wie finde ich den höchsten Grad von Glück für mich in diesem Leben? ⁵) Diese Frage nun über das Wesen der Glückseligkeit und die Mittel zur Erreichung dieses Ziels, der sich auch Cicero mit besonderem Interesse zuwendete, die Lebensweisheit, wurde das Grundproblem der nachgriechischen Philosophie und beschäftigte in der Zeit des letzten vorchristlichen Jahrhunderts und noch lange Zeit nachher besonders zwei Philosophenschulen, die der Epikureer und der Stoiker, deren Lehren zu Anfang des 3. Jahrh. in Athen begründet wurden, die dann von Griechenland aus sich über die römische Welt ver- breiteten und bis weit in die nachchristliche Zeit hinein Bedeutung hatten.
I. Die Epikureer.
„Wir müssen uns einen edlen Menschen aussuchen, den wir stets vor Augen haben, damit wir leben, als schaue er uns zu, und immer handeln, als sähe er es.“ Epikur.
Epikur, der Sohn eines athenischen Schullehrers, geboren 341 v. Chr., stu- dierte frühzeitig Demokrits Schriften und wirkte eine zeitlang in Mitylene; später ging er wieder nach Athen zurück und gründete dort eine Schule in einem Garten, woher die Epikureer den Namen Gartenphilosophen führten und seine Schule horti Epicurei hiess. Von seinen Schriften ist uns nur wenig erhalten. ⁶) Seine Philosophie kennt man namentlich aus den Lehrsätzen, die Diogenes von Laerte in Cilicien uns aufbe- wahrt hat— sie sind freilich mehr eine Kompilation aus sehr verschiedenwertigen Quellen— und aus der Schrift des berühmtesten und glänzendsten Vertreters seiner Schule, des Lukrez(97— 55 v. Chr.), dessen in 6 Büchern verfasstes hexametrisches
5)„Ganz fernab liegt der griechischen Philosophie der christliche Gedanke, dass es eigentlich gar nicht auf ein individuelles Glück, ja selbst nicht einmal auf Vervollkommnung in erster Linie an- kommt, sondern auf Fruchtbringen, Arbeitsleistung an einem geistigen Reiche, welches von dem Reiche dieser Welt und seinen Gütern verschieden sei, und dass dieses nur durch eine Veränderung der ganzen inneren Natur des Menschen geschehen könne, die auch nicht eigenes Werk sei. Der antike Philosoph macht alles selbst aus sich, durch Aneignung vernünftiger Prinzipien Wund sodann beständige Uebung darin. Danher ist sein Glück mehr ein negatives, bestehend in der möglichsten subjektiven Herabminderung der mit dem menschlichen Leben notwendig verbun- denen Übel, keineswegs in dem grossen aktiven Glücksgefühl, welches allein in der Teilnahme an einem grossen Werke gefunden wird und neben welchem alle zweifellos vorhandenen Leiden der Welt als etwas Unbedeutendes erscheinen.“ Hilty, Glück. 1. Teil S. 43 ff. Auf dieses gehaltvolle Buch, das auch für die Geschichte des Stoizismus in dem Abschnitt„Epiktet“ einen wertvollen Beitrag bringt, sei hiermit empfehlend verwiesen.
6) Vgl. H. Usener, Epicurea. Leipzig 1887; ferner v. Gizycki, UÜber das Leben und die Moralphilosophie des Epikur. Diss. Halle 1879.


