Aufsatz 
Griechische Ethik auf römischem Boden
Entstehung
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existierte, machten und die dort empfangenen Anregungen in der Heimat weiter pflegten. Trotzdem hat die Philosophie auf römischen Boden ihren griechischen Ur- sprung nie ganz verleugnen können; die meisten Philosophen, die uns in Rom ent- gegentraten, waren keine Römer, und diejenigen, die Römer waren, haben die Philo- sophie in origineller Weise nicht weitergebildet, sondern sind mehr Kompilatoren geblieben. Hierher gehört namentlich Cicero, der in seinem Streben nach allgemeiner Bildung und geistiger Veredelung und in der richtigen Erkenntnis, dass für den vollendeten Redner philosophische Durchbildung unerlässlich sei, sich frühzeitig ein- gehend mit dem Studium der griechischen Philosophie beschäftigte. Er glaubte fest an die Lernbarkeit der Tugend und wusste, dass man in Zweifelsfällen dort sich Rat holen könnte, wo die Lehren der Tugend am klarsten niedergelegt seien, in den Schriften der sokratischen Philosophie. Auf diese Weise wurde er der Verfasser einer Menge philosophischer Abhandlungen, es sind freie Bearbeitungen griechischer Originale, die später verloren gingen durch die er seine Landsleute mit Sokrates wie mit den Epigonen der griechischen Philosophie in fasslicher und geschmackvoller, sachlich allerdings oft recht oberflächlicher Weise bekannt machte. So besteht Ciceros Ver- dienst in der Latinisierung der Philosophie, d. h. der Ausprägung einer lateinischen philosophischen Terminologie und in der Popularisierung philosophischer Lehren, und seine Absicht, Interesse für griechische Philosophie in ihrem ganzen Umfang in den Kreisen seiner Mitbürger zu erwecken, ist auch ohne Zweifel von ihm erreicht worden. Und indem so Cicero den philosophischen Gehalt der griechischen Bildung in die römische Literatur einbürgerte, wurde er noch über das Römertum hinaus bis in das Mittelalter hinein ein anregender Lehrer der Menschheit und gewann damit eine Be- deutung, die nur von der des Aristoteles, des wichtigsten philosophischen Lehrers des Mittelalters, übertroffen wurde. Auch Cicero zeigt an seiner Person, aus welchen Gründen der gebildete Römer sich mit philosophischen Fragen zu beschäftigen pflegte. Aus ihr schöpfte er Trost gegen die Widerwärtigkeiten des Daseins, dessen Nichtig- keit und Leere er allmählich kennen gelernt hatte; war doch mit der Diktatur Cäsars das politische Ideal, für das er in den besten Jahren seines Lebens gekämpft hatte, unwiederbringlich dahin und zwar zu derselben Zeit, wo er mit dem Untergang der römischen Republik gleichzeitig die Vernichtung seines Familienglückes durch den Tod seiner einzigen Tochter Tullia zu beklagen hatte. So liess ihn namentlich in den letzten Jahren seines Lebens die Beschäftigung mit griechischer Philosophie das Trübe und Peinliche der veränderten politischen Verhältnisse vergessen und ihn den be- wundernswerten Versuch wagen, durch Verpflanzung griechischer Ethik auf römischen Boden dem Leben seines Volkes einen neuen, sittlichen, fast möchte man sagen reli- giösen Halt zu geben.

Cicero hat sich keiner bestimmten philosophischen Schule angeschlossen, er war Anhänger des Eklektizismus, d. h. derjenigen Richtung in der Philosophie, deren Tendenz es war, aus den vergangenen Philosophien das Zusagende herauszu- nehmen und zu einer eigenen Welt- und Lebensanschauung zu gestalten. Dieser Eklektizismus, der Cicero heute zum grossen Vorwurf gemacht wird, hatte, das darf man nicht vergessen, damals schon in Griechenland zahlreiche Anhänger gefunden, da die einzelnen philosophischen Systeme sich einander zu nähern suchten und eine Art Verschmelzungsprozess anstrebten.