Aufsatz 
Griechische Ethik auf römischem Boden
Entstehung
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war die Philosophie stets sitten- und religionsgefährlich erschienen, und es hat lange gedauert, bis die philosophischen Lehren der hellenistischen Schulen auf römischem Boden Wurzel schlagen konnten. Es ist bekannt, dass der eben genannte Cato den Sokrates für einen mit Recht hingerichteten Schwätzer erklärte, und dass noch im Jahre 173 epikureische Philosophen aus Rom vertrieben wurden; auch die athenischen Gesandten des Jahres 155 es waren die Häupter der damals am meisten blühen- den Schulen, der stoischen, akademischen und peripatetischen wurden schleunigst abgefertigt, damit sie nicht, wie Cato befürchtete, die römische Jugend verdürben. Allein wie zu allen Zeiten geistigen Strömungen brutale Gewalt auf die Dauer nicht Widerstand hat leisten können, so hat mit dem zunehmenden Verfall des alten Glaubens und der guten Sitte des römischen Volkes ein Eindringen griechischer Philosophie in Rom nicht verhindert werden können. Nicht nur deshalb nicht, weil man ihr Studium schon aus praktischen Gründen als notwendige Vorbedingung für die öffentliche Laufbahn ansah; sie erfüllte eine noch weit höhere sittliche Aufgabe; indem die auf römischen Boden verpflanzte griechische Philosophie der schon durch Sokrates gegebenen Anregung folgend sich hauptsächlich mit sittlichen Fragen be- schäftigte, war sie es, die die gebildete Welt, die den Halt der Religion verloren hatte, durch sichere Einsicht zur Tugend und Glückseligkeit, zur inneren Unab- hängigkeit von der Welt erzog und an die Stelle der veralteten und wirkungslos ge- wordenen polytheistischen Volksreligionen reinere sittliche Grundsätze treten liess.

Diese Richtung auf das Praktische nahm die Philosophie namentlich unter Mitwirkung der Römer immer mehr in dem Masse, als sie die spekulativen und meta- physischen Fragen zurücktreten liess und allmählich zur Popularphilosophie und damit zu einem unentbehrlichen Bestandteil der allgemeinen Bildung wurde.

So ist der griechisch-römischen Philosophie die Aufgabe zugefallen, das sitt- lich-religiöse Interesse des Gebildeten zu erweitern und den Boden zu bereiten, auf dem dann später das Christentum seinen fruchtbaren Samen ausstreuen konnte.¹)

So kamen denn mit der Zeit nicht nur griechische Philosophen nach Rom unter ihnen der gelehrte Panätius, der bei dem jüngeren Scipio Aufnahme fand und den Stoizismus bei den Römern bekannt machte; bald gehörte es zur guten Sitte, dass die jungen Römer aus besseren Ständen ihre Universitätsstudien in Athen auf der grossen philosophischen Schule oder in Rhodus, wo eine blühende Rhetorenschule

4) Seit den Tagen des alexandrinischen Clemens, der im Anschluss an paulinische Gedanken den Satz aussprach: Wie den Juden das Gesetz, so ward den Hellenen die Philosophie gegeben, bis zur Erscheinung Christi ist man gewohnt, in der griechischen Philosophie eine von Gott gewollte und geordnete Vorbereitung der Menschheit auf die Erlösung in Jesu Christo zu erblicken. Vgl. Clemens Alex., Stromata I, 5, S. 331. Wer sich eingehender mit der Frage beschäftigen will, welche Bedeutung der griechischen Philosophie zukommt, dem empfehle ich das Studium des Buches: Logos sperma- ticos, Parallelstellen zum Neuen Testament aus den Schriften der alten Griechen, von Dr. Edmund Spiess, in demdie Strahlen des ewigen, einigen, unwandelbaren Lichts, die Keime göttlicher Weis- heit, die Offenbarungen des logos spermaticos, wie sie sich hier und dort in der griechischen Geistes- welt, namentlich bei Pythagoras, Sokrates, Platon zerstreut finden, sorgfältig gesammelt und gesondert sind. In silberner oder goldener Fassung, meint der Verfasser, bieten uns die Aussprüche vieler Dichter und Denker des griechischen Volkes Perlen höherer, reinerer Erkenntnis, die ihren Wert auch neben der einen köstlichen Perle des Evangeliums(Matth. 13, 46) behalten.