Für uns Kinder der Gegenwart, der Ara des alles verschlingenden Materialismus und Pessimis- mus, hat das Vermächtnis der Alten mit seinen frisch- quellenden und doch gereiften, tiefe Lebensweisheit bergenden Anschauungen doppelten Wert.
Lessing.
Mit dem Untergang ihrer politischen Selbständigkeit, mit ihrem Aufgehen in dem römischen Weltreich hatte die griechische Nation als solche zu existieren auf- gehört; politisch absorbiert von einem grösseren Machtgebilde, war sie jedoch in literarischer Beziehung Siegerin geblieben, und die weltgeschichtliche Bedeutung der alten Griechen liegt nicht zum wenigsten darin, dass sie infolge ihrer Zerstreuung über die römische Welt durch die Pflege von Kunst und Wissenschaft die Lehrer des imperium Romanum geworden sind. GOraecia capta ferum victorem cepit et artes intulit agresti Latio, sagt Horaz, das durch die Waffen besiegte Griechenland meisterte den rauhen Sieger und führte in dem bäuerlichen Latium Kunst und Wissenschaft ein. Zunächst noch auf dem Boden der hellenistischen Diadochenstaaten, dann auf dem ungeheuren Gebiet des römischen Reichs vollzog sich dieser Vermählungsprozess griechischen Geisteslebens mit römischem Wesen, der, wenn wir des Christentums als wichtigsten Kulturfaktors nicht vergessen wollen, dem wiederum die hellenistische Kultur in so wunderbarer Weise vorgearbeitet hatte, und durch das erst die wahre Versöhnung der alten und neuen Welt vollzogen wurde, in gewissem Sinne bis in unsere Zeit hinein fortdauert. Denn Hellenentum, Römertum, Christentum sind ohne Zweifel die Etappen, in denen sich aus dem Altertum heraus die wissenschaft- liche und geistige Bildung der Gegenwart entwickelt haben.
Dieser Einfluss griechischer Wissenschaft und griechischer Bildungselemente auf römisches Geistesleben lässt sich namentlich seit dem Fall von Korinth 146 v. Chr. deutlich verfolgen; im jJugendunterricht, durch herübergekommene Bücherschätze, durch Uebersetzen griechischer Schriftsteller in das Lateinische wurden fruchtbrin- gende Keime in den römischen Boden eingesenkt, und im Laufe der Zeit sind die Griechen im Drama, im Epos, in der Lyrik die Lehrmeister der Römer geworden; nur die römische Beredsamkeit ist originell und trägt, wie sie auf römischem Boden er- wachsen ist, den Charakter des Festen, Verstandesmässigen, der den Römern von Haus aus eigen war.
Am wenigsten natürlichen Beruf zeigten die Römer zur Philosophies), dem reifsten und reinsten Erzeugnis des griechischen Geistes, da ihnen das theoretische Spekulieren bei ihrem auf das Praktische gerichteten Sinn als Müssiggang erscheinen musste. Auch auf diesem Gebiet ist ihnen das Verständnis erst durch die Griechen geweckt worden. Den alten Römern von dem Schlage eines Cato Censorius † 149
³) Vgl. Zeller, Philosophie der Oriechen, 3. Bd. 1. Abt. 438 ff. Windelband, GOesch. der Philosophie S. 127 ff., desselben Gesch. der antiken Philosophie 3. Aufl. von Adolf Bonhöffer S. 258 ff. u. öft. Vorländer, Geschichte der Philosophie I. Bd. S. 146 ff.


