Aufsatz 
Griechische Ethik auf römischem Boden
Entstehung
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gutem Grunde wird Philosophie im Anschluss an konkrete Unterlagen z. B. an pla- tonische Dialoge wohl überall auf deutschen Gymnasien gelehrt. Gerade die platoni- sche Lehre von der Unsterblichkeit und der ewigen Bestimmung der Seele, mit der Plato so klar und bestimmt als auf ein ganz neues Motiv des sittlichen Lebens seine Schüler hinwies, sein Verlangen, dass der Mensch sein Erdenleben sub specie aeternitatis einrichte und betrachte, dieser tiefreligiöse Zug seiner Lebensanschauung wird bei der Lektüre seiner Schriften immer wieder hervorgehoben werden müssen. Aber auch sonst lassen sich philosophische Unterweisungen an den Unterricht leicht anknüpfen, und namentlich über Fragen, die die griechische Ethik mit ihrer Lehre vom höchsten Gut betreffen, wird man öfters Gelegenheit haben ausführlich zu reden. Solche bietet sich in der Ila in der römischen Geschichte bei der Behandlung der Kultur des Hellenismus, die eine viel ausführlichere Behandlung verdient, als ihr für gewöhnlich zu teil wird. In der Prima lassen sich namentlich bei der Lektüre der Tuskulanen fruchtbringende Erörterungen über den Eklektizismus Ciceros, über die sittliche Weltanschauung Epikurs und der Stoiker²) leicht und ungesucht an- schliessen.

Ganz besonders wird dem Religionsunterricht die dankbare Aufgabe zufallen, den sittlichen Gehalt des Christentums in Parallele zu setzen zu der Ethik des grie- chischen Altertums, die ihm so mächtig vorgearbeitet hat; durch solche Betrachtungen kann die Beschäftigung mit der Antike auch für das Gegenwartsleben fruchtbar gemacht werden.

Was man etwa über diese Dinge den Schülern sagen kann, ist hier kurz zu- sammengestellt. Wer der Meinung ist, dass der Lehrer selbst sich das nötige Material aus den Handbüchern zusammentragen soll, wird meine Arbeit unbeachtet lassen; wer einen kurzen Abriss, der auf den besten Quellen fusst, nicht verschmäht, wird vielleicht manches in ihr finden, was er für seine Zwecke brauchen kann und ihm zeitraubendes Studium erspart. Die Arbeit ist, wie sie aus dem Unterricht erwachsen ist, auch nur für ihn allein bestimmt.

²) Das griechische Lesebuch von Wilamowitz-Moellendorff, der den Klassizismus, wie er z. Zt. bei der Auswahl der Lektüre den Ausschlag gibt, gern durch den Hellenismus ersetzen möchte, bietet sehr eingehende Auszüge aus den moral-philosophischen Schriften Epiktets und Mark Aurels, indem er zugleich auf den hohen, bildungskräftigen Wert dieser Werke hinweist; er hält es für eine ausserordentlich wichtige Aufgabe des griechischen Unterrichts, einem besseren Verständnis des Christentums vorzuarbeiten, da er in ihm mit Recht die Krönung und Vollendung der griechischen Philosophie erblickt. Auch Wendland meint a. a. O., der Religionslehrer solle diese Schriften benutzen, um am FTiefsten, was die stoische Ethik hervorgebracht hat, die Verwandtschaft und den meist in den Motiven unverkennbaren Kontrast zu christlicher Sittlichkeit beobachten zu lassen. Aehnlich urteilt F. Friedrich in der Monatsschrift für höhere Schulen XII, 1. Heft S. 3: Es scheint mir eine lohnende Aufgabe, erwachsene Schüler humanistischer Anstalten mit den Hauptgrundsätzen der helle- nistischen Systeme bekannt zu machen, die das geistige Leben von Jahrhunderten in hohem Grade mitbestimmt haben und deren Kenntnis für das Verständnis des Urchristentums und seiner Verbreitung schwer zu entbehren ist. 3