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gesellschaftlichen Lebens sehr bemerkbar gewordene Belebung des Handelsverkehrs lediglich jener Zollvereinigung zu danken. Für den preußischen Staat stelle sich die Bilanz der Ausfuhr, die seit der Zollvereinigung in das Großherzogtum stattgefunden, noch bei weitem günstiger, besonders weil diese Ausfuhr größtenteils in sehr wert- vollen Fabrikaten bestanden habe. Die Erfahrung habe daher auf das glänzendste be- währt, daß beide Regierungen den Zweck ihrer Vereinigung, der kein andrer als der gewesen sei, zur Beförderung der Wohlfahrt ihrer beiderseitigen Untertanen deren Handelsfreiheit zu erweitern und einen lebhafteren Austausch ihrer Erzeugnisse her- beizuführen, vollständig erreicht hätten. Erwäge man noch außerdem, daß die ange- gebenen Resultate des ersten Jahres bei weitem nicht dasjenige erschöpften, was sich mit Recht von der Zukunft erwarten lasse, da mit jedem Tage neue Handelsverbin- dungen zwischen hessischen und preußischen Staatsangehörigen angeknüpft würden, so werde man hoffentlich dasjenige verwirklicht sehen, was noch vor wenigen Jahren zwar Gegenstand der angelegentlichsten Wünsche des Landes gewesen, aber nach so vielen vergeblichen Bestrebungen kaum in dem Reiche der Möglichkeiten zu liegen geschienen habe. ²⁴)
Die unzufriedenen Stimmen verstummten denn auch bald angesichts der offenkundigen Segnungen, die der Verein beiden„Staaten brachte. Die„Verzweif- lungstat“ aber des Ministers du Thil, die durch das Gebot der materiellen Interessen des Landes erfolgt war, war mit eine der genialsten der Weltgeschichte geworden und hatte die Weissagungen der Partikularisten auf das glänzendste Lügen gestraft. Für die Zukunft aber war durch Hessens Anschluß an das preußische Zollsystem der Weg vorgezeichnet, den die übrigen deutschen Staaten über kurz oder lang gehen mußten, wenn sie aus der wirtschaftlichen Trennung herauskommen wollten. 25) Aus dieser Not- wendigkeit heraus ist der preußisch-deutsche Zollverein entstanden, der einen ersten großen Erfolg nationaler Einheitsbewegung darstellt Es bedeutete das Ende eines wirtschaftlichen Bruderkriegs, als in der Neujahrsnacht 1833/34²6) die Schlagbäume zwischen der großen Mehrzahl der deutschen Länder fielen und ein Gebiet von 7719 Quadratmeilen mit 23 Millionen Einwohner dem freien Verkehr im Innern erschlossen wurde, als an Stelle des bayrischen, württembergischen, preußischen Kaufmanns von nun an der deutsche Unternehmer auf dem Felde erschien. Vorbildlich für den deutschen Zollverein aber blieb der preußisch-hessische. Wie die deutsche Reichs- verfassung aus der norddeutschen Bundesverfassung herausgewachsen ist, so ist der deutsche Zollverein in seinen Hauptlinien bereits in dem preußisch-hessischen Ver-
24) Verhandlungen der Landstände des Großherzogtums Hessen 4. Landtag, 1820—30 Beil. I. S. 63 ff.
25) Der süddeutsche Zollverein sah sich schon 1820 genötigt, mit dem preußisch-hessischen einen Handelsvertrag abzuschließen. Auch der mitteldeutsche Handelsverein, Sachsen, Hannover, Bremen, Nassau, Braunschweig, Kurhessen und einige thüringische Staaten umfassend, der als Gegen- gewicht gegen den preußisch-hessischen gegründet worden war, brach bald zusammen, da er die Handelsstraßen nicht beherrschte und keine neue bauen konnte.
26)„Auf allen Landstraßen Mitteldeutschlands harrten die Frachtwagen hochbeladen in langen Zügen vor den Mauthäusern, umringt von fröhlich lärmenden Volkshaufen. Mit dem letzten Glockenschlag des alten Jahres hoben sich die Schlagbäume; die Rosse zogen an, unter Jubelruf und Peitschenklang ging es vorwärts in das befreite Land.“ Treitschke.


