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Die Durchfuhr wurde ebenfalls möglichst erleichtert. Im einzelnen auf den neuen preußischen Tarif einzugehen, ist hier nicht der Ort. Daß sich namentlich im Ausland trotz des niedrigen Tarifs doch ganz falsche Vorstellungen vom„preußischen Einfuhrverbot“ bildeten, ist wohl begreiflich; widerlegt wurden sie durch den eng- lischen Staatsmann Huskisson, one of the earth's great spirits, wie er von seinen Landsleuten genannt wurde. Die Durchgangszölle fand er„sehr mäßig“, die Ver- brauchssteuern von britischen Gütern sogar„niedrig“; es setzte ihn in freudiges Er- staunen, daß er kein einziges Einfuhrverbot entdecken könne.„Ich hoffe, ruft er aus, die Zeit wird kommen, wo wir das nämliche von unsrem englischen Tarife werden sagen können.“
Welchen Aufschwung aber Handel und Verkehr in Preußen seit dem Jahre 1819 genommen ¹⁶), in welchem Umfange die Gewerbesteuer gewachsen, ersieht man am besten aus den Zahlen, die Ranke an angeführter Stelle S. 274 zusammengestellt hat. Während die Gewerbesteuer im Jahre 1824 noch 1632 000 Taler einbrachte, zeigte sie bereits 1830 ein Mehr von 500 000 Talern; während in dem Jahre 1820 11 400 Zentner Waren nach Naumburg gelangten, waren es im Jahre 1830 bereits über 38000 Zentner. Näheres bei Ranke, S. 264 ff.
Das Gesetz, das am 1. Januar 1819 in Kraft trat und durch die Neuord- nung der allgemeinen direkten Gewerbe- und Klassensteuer und der indirekten Mahl- und Schlachtsteuer für die Städte 1820 ergänzt wurde, war seiner ganzen Anlage nach eine spezifisch preußische Maßregel. Gab es auch den preußischen Ländern, die seither ohne Verbindung mit dem Stammsitz, zerstückelt und zerschnitten von einer Anzahl kleiner Territorien, kein politisches Ganze gebildet hatten, wenigstens wirtschaftlich eine Einheit, so war es doch nach der allgemeinen Auffassung des deutschen Volkes ein Fluch für Deutschland. Was für Preußen segensreich war, war es deshalb noch lange nicht für das übrige Deutschland; selbst Friedr. List, der größte deutsche Nationalökonom, kam bei der Beurteilung des Gesetzes zu der Auffassung, daß durch Aufrechterhaltung dieses Gesetzes der deutsche Handel total ruiniert werden würde. Die sorgfältige und strenge Grenzbewachung, die genaue Kontrolle aller ein-, aus- und durchgehender Waren, die Besteuerung an der Grenze trafen namentlich die zwischen dem östlichen und westlichen Flügel der Monarchie gelegenen Länder, wie die anhaltischen und schwarzburgischen, die für Preußen nichts weiter waren als Ausland, mit vernichtender Härte. Kein Wunder, wenn der Ruf:„nieder mit dem preußischen Zollsystem!“ jetzt Jahre lang nicht nur am Bundestag in Frank- furt a. M., sondern auch auf den Ministerkonferenzen in Karlsbad und Wien in allen Tonarten wiederkehrte; konnte man sich doch eine Reform des deutschen Zollwesens nicht denken, ohne daß Preußen vorher sein Zollgesetz aufgab. Dazu konnte sich natürlich die preußische Regierung niemals verstehen. Aber sie hatte auch bereits den Weg angedeutet, wie man aus dem Krieg der Zölle und Gegenzölle, der durch das preußische Vorgehen entfesselt wurde, herauskommen könne, es war der des Ver-
16) Ein großer Erfolg des neuen Zollgesetzes zeigte sich besonders in dem Aufschwung der Baumwollen- und Seidenindustrie. Binnen 6 Jahre stieg die Zahl der in Baumwolle und Halbbaumwolle arbeitenden Stühle um 60%, die Einfuhr roher Baumwolle um mehr als das doppelte und die der Seide um 1000 Zentner; die Zahl der Handeltreibenden stieg 1819— 1826 von 70 000 auf 82 000. Vgl. Emil Wolff, Grundriss der preussisch-deutschen sozialpolitischen und Volkswirtschaftsgeschichte S. 100 ff.


