Aufsatz 
Das preußische Zollgesetz vom 26. Mai 1818 und der preußisch-hessische Zollverein vom 14. Febr. 1828
Entstehung
Einzelbild herunterladen

II.

lch sehe, daß die Länder, die sich schützen, prosperieren, die offen sind, zurückgehen. v. Bismarck 1879.

Napoleon hatte unmittelbar nach der Schlacht bei Jena in Leipzig und den Hansastädten englische Waren, auch solche, die bereits in Privatbesitz übergegangen waren, zum Besten der Armee konfiszieren lassen und damit eine Maßregel getroffen, die für Englands Handel die schwersten Gefahren barg; ihr folgte am 21. Nov. 1806 noch eine verhängnisvollere, als er in Berlin das Dekret unterzeichnete, durch das die britischen Inseln in Blockadezustand erklärt worden waren. Mit der hierdurch verursachten Absperrung des englischen Handels und dem Aufhören jeder Verbin- dung mit dem Festlande Europas der sogenannten Kontinentalsperre war der englische Handel lahm gelegt und England auf das empfindlichste getroffen worden, während umgekehrt die Sperre der kontinentalen Industrie als Schutzmaßregel außer- ordentlich zu statten kam und unter ihrem Schutze sich ganz neue Fabrikationszweige in Deutschland entwickeln und ältere ihren Absatz erweitern konnten. Da war der Sturz des Napoleonischen Kaisertums erfolgt und mit ihm das Aufhören der Fremd- herrschaft der französischen Waffen in Europa. Der Fremdherrschaft auf politischem Gebiete sollte aber auf dem Fuße eine noch viel drückendere auf kommerziellem Ge- biete folgen.¹) Da die Engländer, so lange sie boykottiert gewesen waren, nicht ge- feiert, sondern die größten Anstrengungen gemacht hatten, ihre Fabrikationsmethoden zu verbessern, ihre Industrie zu heben, so konnten sie nun, wo nach Napoleons Sturz ihnen der europäische Markt wieder offen stand, mit überlegeneren Kräften wie vor- her den Kampf mit der europäischen, speziell der deutschen Industrie wieder auf- nehmen, die sich nun plötzlich einer erdrückenden Konkurrenz gegenüber sah. Eng- lische Waren und alles, was man bis dahin schmerzlich entbehrte, erschienen nun durch keine Zölle behindert in unheimlicher Menge auf dem deutschen Markt. In welchem Umfange der englische Export in kurzer Zeit sich ausdehnte, dafür nur ein Beispiel. Im Jahre 1814 führten die Engländer für über 10 Millionen Pfund Sterling verar- beitete Baumwolle auf dem Festland von Europa ein, wovon über 3 Millionen Pfund Sterling allein nach Deutschland gingen. Für England warf dieser deutsche Absatz englischer Baumwollenwaren mehr ab, als die ganze Ausfuhr nach Ostindien betrug;¹) Handel und Gewerbe der Deutschen schien vernichtet. In Leipzig, meldete der Rhei- nische Merkur unter dem 26. Mai 1815, konnten die Engländer das fertige Garn wohlfeiler verkaufen, als die deutschen Spinner die Wolle zu kaufen imstande waren. Tausende von Spinnern waren dadurch brotlos geworden und sahen sich plötzlich auf die Straße gesetzt. Der Notstand der deutschen Industrie stieg von Jahr zu Jahr; eine Menge von Fabriken mußte ihren Betrieb wesentlich einschränken oder ganz einstellen. Der Handel mit inländischen Waren stockte, während englische Waren namentlich zur Zeit der Messen den Markt überschwemmten. Mit der Industrie litt wiederum die Landwirtschaft; denn es fehlte ihr der heimische Markt, der immer der

1) Für das Folgende verweise ich auf Oncken, Das Zeitalter des Kaisers Wilhelm I. S. 2 ff. Biedermann, 25 Jahre deutscher Geschichte(1815 1840) II, S. 240 ff. Agidi, Aus der Vorzeit des Zollvereins. Hamburg 1865.

⁵5) Ranke, Zur Geschichte der deutschen, insbesondere der preussischen Handelspolitik 1818 1828 in S. W. 49/50 Bd. S. 252 ff., dem ich öfters noch folge.