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noch die Beargwöhnung, Verdächtigung und Verfolgung;3) es ist die Zeit, wo die Bur- schenschafter in ihrem Groll über enttäuschte nationale Hoffnungen das Lied sangen:
Wir hatten gebaut ein stattliches Haus,
mit seinem trotz der trüben Gegenwart einen frohen Ausblick in die Zukunft ver- heißenden Schluß:
Das Haus mag zerfallen,
Was hat's denn für Not;
Der Geist lebt in uns allen
Und unsre Burg ist Gott.
Nicht einmal auf dem Gebiet des Handels- und Zollwesens, dem neutral- sten und unpolitischsten, hatte sich eine Einigung in Wien erzielen lassen. Preußen hatte zwar den Vorschlag gemacht, die Verwaltung des gesamten Zollwesens dem Bunde zu überweisen. Dieser Vorschlag war jedoch dem entschiedensten Wider- spruch begegnet und hatte zu dem Vorbehalt in Art. 19 der deutschen Bundesakte geführt, wonach bei der ersten Zusammenkunft der Bundesversammlung wegen des Handels und Verkehrs zwischen den einzelnen Bundesstaaten in Beratung getreten werden sollte. Diese Beratung fand am 19. Mai 1817 tatsächlich statt, als Württem- berg bei dem Bunde den bescheidenen Antrag stellte, daß die Beschränkungen und Verbote der Ausfuhr von Getreide und Schlachtvieh, die von mehreren Bundesregie- rungen während der damaligen Teuerung verhängt worden waren, im allgemeinen Interesse aufgehoben werden sollten. Aber über bloße Beratungen und unfruchtbare Diskussionen kam man nicht hinaus. Berichterstattungen an die Regierungen, In- struktionseinholungen, Erklärungen Osterreichs, daß die ganze Frage„noch nicht spruchreif“ sei, waren das einzige, was man erreichte. Auf diesem Weg gemein- schaftlicher Beratungen war im Interesse des Handels und des Verkehrs, die schwer darniederlagen, bei dem schwerfälligen Bundestag nichts zu erreichen. Da erwarb sich die preußische Regierung das Verdienst, die kühne Initiative zu einer Besserung des darniederliegenden Handels zu ergreifen, ein Verdienst, das umsomehr anzuer- kennen ist, da die Haltung, die dieselbe Regierung seit 1815 in den wichtigsten Fragen des politischen Lebens eingenommen hatte, einen solch kühnen Schritt nicht erwarterf ließ. Preußen, das unter dem Einfluß der Metternich'schen Politik sich seither in reaktionären, volksfeindlichen Maßnahmen gefallen hatte und namentlich das Ver- fassungswerk(Artikel 13 der Bundesakte) ganz hatte fallen lassen, tat jetzt„einen der wirksamsten Schritte, um den so lange erstarrten nationalen Gedanken aus seinem Banne zu lösen“, durch das Zollgesetz vom 26. Mai 1818.
3) Vgl. Biedermann, 30 Jahre deutscher Geschichte(1840— 1870) Bd. I S. 5 ff.


