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greß enttäuscht worden! Was das blanke Schwert auf den Schlachtfeldern von Leipzig und Waterloo gut gemacht hatte, hätte gar nicht grausamer durch die Feder nüchter- ner und engherziger Diplomaten verdorben werden können, als es in jenen Tagen in Wien geschah, wo man über die künftige Verfassung des deutschen Reichs Be- ratung pflog. An Vorschlägen und Wünschen, die sich auf eine Neugestaltung Deutschlands bezogen, fehlte es gewiß nicht; war auch manches Unreife und Un- brauchbare darunter, in einem Punkte stimmten alle überein: man verlangte die Wiederherstellung eines mächtigen und starken deutschen Einheitsstaates mit einer starken Zentralgewalt unter Osterreichs Führung. In Vers und Prosa fand der alte Kaisertraum neuen Ausdruck.
Will predigen und sprechen Vom Kaiser und vom Reich
sang der Kaiserherold Max von Schenkendorf; an einer andren Stelle ruft er:
Wollt Ihr keinen Kaiser küren? Kommt kein Ritter heimzuführen Deutschland, die verlassne Braut?
Nur ein Kaiser und zwar aus Habsburgischem Stamm, so meinte man, konnte Deutschland, das schlafende Dornröschen, zu neuem Leben erwecken.
Auffallenderweise wird in den vielen Schriften aus jener Zeit, die sich mit der Neugestaltung Deutschlands beschäftigen, nur an einer einzigen Stelle einmal ganz schüchtern von einer preußischen Führerschaft in Deutschland geredet, trotz- dem Preußens Regierung so mancherlei in den letzten Jahren getan hatte, was den Wunsch, Preußen an der Spitze des geeinten Vaterlands zu sehen, hätte nahelegen können. Die Initiative zur Abschüttelung des fremden Joches ergriffen zu haben, war doch ein Verdienst des preußischen Königs gewesen; der Aufruf„an mein Volk“ vom 17. März 1813 hatte zum erstenmal wieder die Sache Preußens und Deutsch- lands als die gleiche hingestellt; die glorreiche Erhebung des Landes, die nur durch eine bis dahin nicht dagewesene Opferwilligkeit aller Stände ermöglicht worden war, hatte die Erhebung des übrigen Deutschlands und Osterreichs erst ganz allmählich zur Folge gehabt, und so fiel das Verdienst, der napoleonischen Tyrannei ein Ende in Deutschland, ja in Europa gemacht zu haben, auch wieder in erster Linie Preußen zu. So wäre es in der Tat wohl verständlich gewesen, wenn man angesichts solcher Verdienste dem Lande mindestens eine führende Rolle in dem wieder geeinigten Deutschland zuerteilt hätte.
Dem war jedoch nicht so. Den Meisten erschien Preußen als ein„noch zu junger Staat, der vor nicht langer Zeit fast vernichtet war“; seine Verdienste aus der letzten Zeit wurden gerne anerkannt, vor seiner Vergrößerungssucht, wie sie erst kürzlich auf dem Kongreß zu Wien in der sächsisch-polnischen Frage zu Tage ge- treten sei, wurde gewarnt. Selbst Arndt, der durch und durch deutsche Mann, der für Preußens Bedeutung für Deutschland stets das richtige Verständnis gezeigt, konnte sich zu keiner höheren Forderung aufschwingen als dazu, daß er für es eine bevorzugte Stellung in Norddeutschland verlangte, besonders aber die„eines Mark- grafen am Rhein als eines Vorkämpfers Deutschlands gegen Frankreich für es be-


