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Zollvereins, der besten nationalen Leistung Preußens in sonst politisch trüber und tatenloser Zeit, ausführlicher behandelt werden soll, so sollte meines Erachtens auch seines Vorläufers, der preußischen Zollreform des Jahres 1818, etwas genauer im Unterricht gedacht werden. Ich habe auch gefunden, daß eine gute Oberprima für diese Dinge mehr Interesse zeigt, als man allgemein anzunehmen pflegt.
Da das preußische Zollgesetz von 1818 auch für unser engeres Heimatland von großer Bedeutung geworden ist, so leitet seine Besprechung von selbst zu einem wichtigen Ereignis aus der hessischen Geschichte über. Die heimatliche Geschichte kommt, wie wir wissen, in den höheren Lehranstalten infolge des umfangreichen Stoffes, den die Ia zu bewältigen hat, im allgemeinen immer etwas zu kurz. Wenn wir aber aus dem Geschichtspensum dieser Klasse vieles von dem, was die Schul- weisheit früherer Jahre für wissenswert gehalten, ausscheiden, manches andre mehr summarisch behandeln und für die politische Geschichte mehr den nationalen Stand- punkt hervorkehren, können wir auch die Zeit gewinnen, die Geschichte unsres engeren Vaterlands durch tiefere Ausführung einzelner Abschnitte mehr zu ihrem Rechte kommen zu lassen. Dann erreichen wir aber auch um so sicherer das Ziel, das uns als letztes und schönstes vor Augen stehen sollte, bei der uns anvertrauten Jugend mit dem Verständnis für vaterländische Geschichte und für die Bedeutung unsres Regentenhauses für die Entwickelung des Landes auch gleichzeitig Liebe zum engeren Vaterland zu erwecken.
Es sind keine neuen Ergebnisse, zu denen ich in meinen Darbietungen ge- langt bin. Die Darstellung, die sich auf die besten Quellen stüt⸗zt, ist aus dem Unter- richt erwachsen und ist auch nur für den Unterricht bestimmt. Es würde mich freuen, wenn die Arbeit— wenigstens in ihren Hauptzügen— meinen Amtsgenossen als brauchbare Unterlage für die Behandlung der Zeit von 1815—1828 erscheinen sollte.
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Die politische Einheit entwickelt sich bei allen Völkern im innigsten Zu- sammenhang mit der Gestaltung ihrer industriellen und kommerziellen Verhältnisse in der Weise, daß der Aufschwung der Industrie und des Handels eine natürliche Folge einheitlich geordneter politischer Zustände zu sein pflegt. Die Geschichte der deutschen Nation im 19. Jahrhundert zeigt uns das umgekehrte Bild. Hier geht eine Einigung zunächst auf wirtschaftlichem Gebiete voraus durch die Gründung des Zollvereins, der die Quelle materiellen Wohlstands wird, der allmählich wieder das erstorbene Nationalgefühl weckt und in seiner ganzen Organisation die Form zeigt, in der allein auch eine politische Einigung Deutschlands ausführbar und lebens- fähig erscheinen konnte; so geht erst ganz allmählich der Traum von der nationalen Einheit des deutschen Volkes in Erfüllung, auf die man schon fast zwei Menschenalter vorher vergebens gehofft hatte. Ein kurzer Rückblick auf die politische Entwicklung Deutschlands seit 1815 wird dies beweisen.
Wie bitter waren doch die Hoffnungen, die die deutschen Patrioten an die glorreichen Ereignisse der Jahre 1813— 1815 geknüpft hatten, durch den Wiener Kon-


