Aufsatz 
Über Methode und methodische Behandlung des Rechenunterrichts / Wilhelm Gies
Entstehung
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vertraut iſt. Im gemeinen Leben verſteht man unter Rechnen nur die mechaniſche Verbindung von Ziffern nach auswendig gelernten Regeln, mögen dieſe Kunſtſtücke nun ſchriftlich oder im Kopfe aus⸗ geführt werden. Es kann recht wohl vorkommen, daß ein in der Arithmetik ganz gründlich unterrichteter Schüler vor dem Urtheile von Geſchäftsleuten u. ſ. w. nicht beſteht, weil er nicht die maſchinenmäßige Sicherheit in der Ausführung beſtimmter For⸗ meln ſich angeeignet hat, die ein darauf bloß dreſſirter beſitzt, während jener vielleicht unabhängig von dieſen Kunſtſtücken ſeinen eignen Weg ſelbſtſtändig geſucht hat und im Stande ſein wird auch dieſe, wenn er erſt ihren Sinn erkannt hat, ſich leicht anzu⸗ eignen und dann mit weit mehr Geſchick zu handhaben.

Aber nicht bloß in den äußern Hinderniſſen dürfen wir den Grund ſuchen, weshalb der Rechenunterricht nur ſelten den Anfor⸗ derungen entſpricht, welche man an denſelben ſtellen muß, wenn er ein Bildungsmittel des Verſtandes ſein ſoll. Eine andere noch allgemeinere Urſache von der fehlerhaften Behandlung deſſelben iſt in den unrichtigen Anſichten zu ſuchen, welche die Lehrer über dieſen Gegenſtand hegen, wofür man ſie ſelbſt aber am wenigſten verantwortlich machen kann. Nicht jeder Lehrer kann alles lehren. Ein guter Lehrer im Rechnen muß dieſen Gegenſtand nicht bloß in viel weiterem Umfang, als unmittelbar zu ſeinem Lehrpenſum gehört, beherrſchen, er muß ſelbſt die Beſchäftigung damit liebge⸗ wonnen, er muß ſich die geiſtige Gewandtheit, wie ſie grade dieſem Fache entſpricht, erworben haben, eine trure, anſehaulichs Darſtellungsweiſe und Geſchick im Stellen von Fragen, welche die Schüler kurz und beſtimmt auf das Weſen der Sache hin⸗ weiſen. Ueber eine ſolche Lehrkraft würde man in mehrklaſſigen Anſtalten eher verfügen können, wenn man ſich nicht in neuerer Zeit wieder häufiger durch das Zurückgehen auf das ſog. Klaſſen⸗ ſyſtem in der Auswahl derſelben beſchränkt hätte. Man verſpricht ſich zwar von dieſer Einrichtung beſſere Erfolge in der Erziehung, aber man überſieht dabei, daß die Schule kein wirkſameres Mittel die Jugend zu veredeln beſitzt, als eben den Unterricht ſelbſt, welcher in allen ſich für dieſen Zweck gegenſeitig ergänzenden