Aufsatz 
Joannes a Jesu Maria : ein Mystiker der katholischen Kirche / von Krebs
Entstehung
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Wurde er schon durch seine Kränklichkeit körperlich schwer heimgesucht, so waren seine geistlichen Leiden doch noch viel schlimmerer Art. Fortwährende innere Beängstigungen und das Gefühl der grölsten Trostlosigkeit beugte ihn beständig nieder. Da war kein Stern, der ihm geleuchtet hätte; alles Gute, was er gethan hatte, war dann wie ein Traum, wie ein Rauch aus seinem Gedächtnisse entschwunden, und nur das Gefühl von der Gröſse seiner Sündhaftigkeit, von der Menge seiner Unvollkommenheiten blieb in seinem Bewulstsein zurück, und es kam ihm vor, als ob er der Gegenstand des höchsten göttlichen Zornes wäre, als ob Gottes Gnade ihn gänzlich verlassen hätte.

In solchen Zeiten der Anfechtung und sie waren sehr häufig bei ihm suchte er denn um so strenger dem Gesetze Gottes gemälſs zu leben, da er in diesen inneren Kämpfen nur Schickungen sah, durch die Gott seinen Glauben und seine Liebe prüfen wollte. Deshalb gab er sich dann immer rückhaltlos dem göttlichen Willen hin, so schmerzlich er auch diese Prüfungen zu empfinden hatte, und suchte durch um so hervorragendere Tugendakte, durch um so eifrigerés Fasten und um so heftigere Selbstpeinigungen seinen Glanben und seine Liebe zu bewähren.*)

Und gerade zu diesen Ubungen war ihm S. Silvestri von jeher besonders geeignet erschienen. Daher hatte er auch schon früher, bevor er seinen Wohnsitz nach diesem Konvente verlegte, sich oft und gern dahin zurückgezogen. Um so eifriger konnte er aber bei seinem dauernden Aufent- halte dort solche Tugend- und Mortifikationsakte vornehmen, und gerade jener einsame Pfad war ihm, so weit die Art der UÜbungen es zulieſs, der liebste Ort dazu. Daher wurde derselbe auch späterViale contemplationis genannt.

Mit welch übertrieben peinlicher Genauigkeit Joannes während seines Aufenthaltes in S. Silvestri dem Gebote des Gehorsams, den er den Oberen des Klosters schuldete, zu genügen sich bestrebte, davon werden uns mehrere Beispiele mitgetheilt.

So oft er nämlich ein Blatt Papier brauchte, und so oft er seiner niedergebeugten Seele auf jenem einsamen Waldpfade Trost schaffen wollte, erbat er sich jedesmal die Erlaubnis dazu von dem Prior des Konventes, er, der frühere Praepositus Generalis der ganzen Kongregation, von einem Manne, der als Novize sein Schüler gewesen war. Und als er-eimmal zu irgend einem Zwecke eine Nadel nötig hatte und ein gerade anwesender Klosterbruder ihm eine solche anbot, hielt er es für eine Ubertretung der Pflicht des Gehorsams, dieselbe anzunehmen. Er lehnte daher das Anerbieten freundlich ab und ertrug die Unbequemlichkeit, die ihm durch das Fehlen der Nadel erwuchs, bis der Prior ihm die Erlaubnis gegeben hatte, sich eine zu verschaffen.

Xhnliche Vorgänge, die seine oft über das Maſs des Vernünftigen weit hinausgehende Ge- wissenhaftigkeit beweisen, kamen noch öfter vor.

Auch bei all den schweren körperlichen Leiden, die ihm zu ertragen auferlegt waren, gab er glänzende Beweise seiner Geduld in Trübsal, besonders aber bei derjenigen Krankheit, die ihn im Jahre 1615 in S. Silvestri befiel, und von der er selbst voraussagte, dals sie seine letzte sein werde.

Auch bei dieser gab er nie auch nur das leiseste Zeichen des Schmerzes von sich, nie wurde er miſsmuthig über die lange Dauer derselben, nie ungeduldig, wenn ihm eine Bequem-

*) Auch Luther wurde bekanntlich während seines Aufenthaltes im Erfurter Augustinerkloster von solchen inneren Kämpfen beunruhigt, in denen ihn ein alter Klosterbruder dadurch tröstete, dals er ihn auf die sündenvergebende Gnade Gottes hinwies.