Aufsatz 
Joannes a Jesu Maria : ein Mystiker der katholischen Kirche / von Krebs
Entstehung
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Verwandten unterhielt er überhaupt keinerlei Verkehr. In seinem Vorgesetzten verehrte er seinen Vater, die Genossen des Klosters waren seine Brüder.

§ 3.

Thätigkeit in Genua.

Im Kloster zu Pastrana blieb Joannes, nachdem er sein Ordensgelübde abgelegt hatte, nur noch zwei Jahre.

Ein vornehmer Genueser nämlich, Nicolaus a Jesu Maria aus dem Geschlechte der Doria, hatte als Prokurator des Ordens die erste Niederlassung desselben in Italien, das Hospitium ad S. Annae in Genua, 1584 gegründet. Nachdem derselbe nun auf dem am 9. Juni desselben Jahres zu Lissabon abgehaltenen Kapitel zum Provinzial der ganzen Ordens- provinz gewählt worden war, bewirkte er es, dals das Genueser Hospitium zu einem Konvente erhoben wurde, und er versetzte den Joannes a Jesu Maria dorthin. Dieser begab sich 1585 nach Genua, also im Alter von einundzwanzig Jahren, und er war der erste, der von Spanien aus nach Italien kam, um dort für die Theresianische Reform weiteren Boden zu ge- winnen.

Dort nun, in dem armseligen Konventsgebäude, dessen Bewohner allen möglichen Unbe- quemlichkeiten, und besonders den Unbilden der Witterung ausgesetzt waren, weil die nôtigen Mittel zur Ausbesserung der vorhandenen Schäden fehlten, brachte Joannes die nächsten Jahre seines Lebens zu. Hier wirkte und arbeitete er mit dem ganzen Feuer und der vollen Be- geisterung, die ihn für die Sache seines Ordens erfüllte, sodals er auch hier bald die Herzen aller Ordensbrüder für sich gewann. Schon im Anfange seines dortigen Aufenthaltes erhielt er einigen Einfluſs auf die Erziehung der Novizen des Ordens, die freilich damals noch nicht unter seine Leitung gestellt ward. Aber auch an seiner eignen Ausbildung arbeitete er noch in Genua rüstig fort, und es pot sich ihm dort auch eine besonders günstige Gelegenheit dazu.

Denn der Provinzial Nicolaus a Jesu Maria hatte den gelehrten Dominicus a Praesentatione, welcher vorher an der Universität zu Granada mit grolsem Erfolge und vor zahlreicher Zuhörerschaft Theologie gelehrt, dann aber aus dem weltlichen Leben sich in den Orden der unbeschuhten Karmeliter zurückgezogen hatte, von Spanien in den Konvent zu Genua geschickt. Unter seiner Leitung studierte denn auch Joannes scholastische Theologie, und dabei war das Bestreben desselben hauptsächlich darauf gerichtet, die Vorzüge beider theo- logischen Richtungen, der Scholastik und Mystik, sich anzueignen. Er wollte seinen Geist in der Weise ausrüsten,daſs die mystische Theologie die Schärfe der scholastischen Spekulation nicht abstumpfe und die scholastische nicht die Lebensfrische seines Geistes dämpfe; sondern die eine sollte die Finsternis des Geistes durch die göttlichen Wahrheiten abstreifen, die andere dem Holze Feuer unterlegen, damit der durch das Zusammenwirken beider entzündete Geist ein Brand- opfer vom lieblichsten Geruche würde.*)

Durch eifriges Studium und durch beständige Wiederholung des Gelernten schärfte er sowohl sein Gedächtnis in aufserordentlicher Weise, wie er sich auch eine groſse Gewandtheit in der Disputation erwarb, sodaſs es ihm leicht wurde, selbst bei schwierigen Fragen mit groſser Klar- heit den Knoten zu lösen.

*) Tom. IV. pag. 405.